Von der Klassik zur G.O.N.D.
im Gespräch Interview mit Yvonne von Viva La Tia


Artikel vom 23.03.2013


Holger Schwendemann
Seit geraumer Zeit beschäftige ich mich mit Viva La Tia, einer Band aus Speyer am Rhein, deren Album Klassifiziert seit Wochen in meinem CD-Spieler läuft. In meinem Review habe ich mich mit der Scheibe ausführlich beschäftigt. Es handelt sich um energiegeladenen Deutschrock mit ehrlichen, kritischen Texten.
Auf dem G.O.N.D Festival 2011 (Größte Onkelz-Nacht Deutschlands) eroberten Viva La Tia die Herzen der Fans im Sturm. Das Interessante an der ganzen Sache ist eine Frau am Gesang. Das finde ich in der männerdominierten Deutschrock-Szene à la Frei Wild, 9mm, Kärbholz u.v.m erwähnenswert. Da die Band aus meiner Heimatregion kommt, entschloss ich mich spontan Kontakt aufzunehmen, um mehr über sie zu erfahren. Freundlicherweise hat sich Yvonne, Sängerin von Viva La Tia, bereit erklärt, sich mit mir zu treffen und mir ein paar Fragen zu beantworten, die mir über ihre Band und sie selbst so auf der Seele brannten, denn durch die Medien hatte ich doch Einiges erfahren, was darauf schließen lässt, dass diese Band schon Einiges erlebt haben muss. Gab es doch in der Zwischenzeit zwei Besetzungswechsel und außerdem erwartet die Deutschrock-Szene sehnlichst den Nachfolger des beachtlichen Erstlings.
ROCKTIMES: Erzähl doch kurz etwas über die Entstehung von Viva La Tia.
Yvonne: Ursprünglich war Viva La Tia eine Böhse Onkelz-Coverband . Anfang 2010 hatte ich eine Mail im Postkasten "Willst Du bei einer Onkelz-Coverband singen?". Ich war total perplex. Eine Frau soll Onkelz-Lieder singen? Freunde meinten dann nur: Überleg nicht. Probier es! So etwas gibt es noch nicht! Also, warum nicht. So habe ich dann mal ein paar Lieder probiert und das hat von Anfang an super funktioniert. Es hat einfach alles gepasst! Innerhalb von einem Monat hatten wir dann den ersten Auftritt. Es folgten weitere Auftritte als Onkelz-Coverband. Dann erhielten wir die Einladung zur G.O.N.D. 2011. Da die Veranstalter ein Tribute-Album rausbringen wollten, fragten sie jede Band nach einem eigenen Song dafür. Für diesen Auftritt schrieben wir dann "Geister der Vergangenheit" und die Nummer kam sehr gut an. Und so entstand die Idee, eigene Songs zu machen, denn man muss ja auch sagen, dass die Texte der Onkelz doch eher auf einen Mann zugeschnitten sind [Yvonne lacht]. Wir standen nun vor der Wahl: als Onkelz-Coverband weitermachen, oder eigene Lieder schreiben. Hopp oder Top. Und die Entscheidung fiel keineswegs schwer, denn wir hatten alles was wir dazu brauchten. Gute Ideen und kreative Menschen, die sich gut verstehen.
ROCKTIMES: Wie entstand das Album ("Klassifiziert")?
Yvonne: Noise Art Records nahm uns nach dem G.O.N.D-Auftritt 2011 unter Vertrag und wir produzierten in Rekordzeit das Album. Hört sich einfach an, war es aber nicht. Wir hatten mit "Geister der Vergangenheit" nur ein fertiges Lied. Sonst gab es lediglich Textfragmente und lose Ideen. Das war eine Herausforderung bzw. ein Riesenpuzzle - letztendlich eine Hauruck-Aktion.
ROCKTIMES: Ich bin der Meinung, man hört es am Sound, dass die Produktion etwas schnell abgewickelt wurde. Die Produktion klingt 'dumpf'. Aber irgendwie passt das trotzdem zur Musik
Yvonne: Der Sound ist vielleicht etwas muffig, aber ich bin doch erstaunt, was man alles in so kurzer Zeit produzieren kann und ich denke, wir haben auch viel daraus gelernt, um Sachen besser zu machen.
ROCKTIMES: Du hast die Produktion als Puzzle-Arbeit beschrieben. Was verstehst Du genau darunter?
Yvonne: Du musst Dir das so vorstellen: Aus allen möglichen Situationen entstehen Textideen. Auf der Strasse, zu Hause, unter der Dusche usw. Diese Ideen schreibe ich mir auf - auch meine Kollegen tun das. Aber das sind nur Fragmente. Aus vielen solcher Fragmente kann ein Lied bzw. ein fertiger Text entstehen. Wir puzzelten also die Teile so zusammen, dass sie ein Bild bzw. ein Lied ergeben. Und es hat funktioniert.
ROCKTIMES: Wie entstehen eigentlich Eure Lieder?
Yvonne: Unsere Lieder sind eine Gemeinschaftsproduktion. Jeder nimmt für sich etwas auf, wir schicken uns die Ideen per Mail zu und bearbeiten diese gemeinsam im Proberaum. Das funktioniert sehr gut.
ROCKTIMES: Wie lebt es sich, wenn man als Sängerin immer im Vordergrund steht?
Yvonne: Ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich stehe nun mal im Vordergrund und bin das Gesicht der Band, aber ich bin auch ein Teamplayer. Man muss sich einfach bewusst sein, dass ich ohne meine Jungs auch nicht funktioniere.
Harmonie ist mir auch ganz wichtig und den anderen auch. Ich möchte mit meiner Band nicht einfach nur spielen und auf der Bühne stehen, sondern ich finde es toll, wenn sich jeder mit dem anderen wohlfühlt. Wenn wir auf die Bühne gehen, machen wir da gemeinsam Party, auch wenn ich ganz vorne stehe.
ROCKTIMES: Und wie reagiert die männerdominierte Deutschrock-Szene bzw. die vielen Männer im Publikum?
Yvonne: Die Deutschrock-Szene ist sehr kollegial! Alle Bands und deren Mitglieder wie z. B. 9mm, Kärbholz u. v. m. sind supernett. Es ist eine ehrliche Szene. Auch die Fans. Da wird nicht lange rumdiskutiert, sondern direkt die Meinung gesagt. Das gefällt mir. Ich bin auch so gestrickt. Berührungsängste oder Vorbehalte gab es keine. Im Gegenteil. Eine Frau singt? Klingt interessant und abgedreht! Das hören wir uns an. Du bekommst jederzeit ein ehrliches Feedback. Da sind keine Heuchler unterwegs. Ich denke, ich passe da gut rein und fühle mich wohl. Ich kann aber auch sehr direkt sein, wenn mir etwas nicht passt. Und zwar direkt und ohne Umschweife. Manche sind dann doch etwas erstaunt [grinst].
ROCKTIMES: Kommen wir zur Band selbst. Es gab in letzter Zeit einige Besetzungswechsel.
Yvonne: Ja. Von der ursprünglichen Band sind nur noch Stefan und ich übergeblieben. Am Bass wurde Jochen durch Roman ersetzt. Zuletzt ist Balu, unser Schlagzeuger aus beruflichen und familiären Gründen ausgestiegen. Auch für ihn haben wir mittlerweile einen würdigen Nachfolger gefunden.
ROCKTIMES: Der wäre?
Yvonne: Das sage ich Dir noch nicht, da diese Information 'noch' nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Lass Dich überraschen!
ROCKTIMES: Wie seid ihr an Roman gekommen?
Yvonne: Stefan kannte ihn und hat ihn eingeladen. Er spielt mit seinen Brüdern bei Sons Of Sounds und ist ein absolut cooler Typ und toller Bassist. Mit ihm kann man sehr viel Spaß haben und auch tiefsinnige Gespräche führen. Ich bin so froh, dass er dabei ist [macht eine Geste, als ob sie jemanden umarmt]. Ich könnte ihn knuddeln. Über ihn kann man sich kaputtlachen und er hat außerdem einen genialen Humor!
ROCKTIMES: Fehlt noch Stefan, der zusammen mit Dir wohl den harten Kern bildet, oder?
Yvonne: Die Frage hast Du schön gestellt. Stefan und ich der harte Kern!
[Anmerkung: Stefan heißt mit Nachmamen Kern].
Ja, Stefan ist inzwischen wie ein Bruder für mich. Er ist ein sehr guter Freund und auch meine Inspiration. Unglaublich, wie gut wir harmonieren. Die Ursprungsideen für unsere Lieder kommen von uns beiden. Er versteht sofort, was ich mit meinen Texten sagen will und was für ein Gefühl darin steckt und spielt darauf einen Riff, feilt daran und verfeinert das Ganze. Er kann so viele Musikrichtungen spielen. Schon jetzt hat er einen eigenen Stil und lebt für die Musik. Ich bewundere ihn. Ich kann mir Viva La Tia ohne ihn auch nicht vorstellen. Nein, das geht nicht!
ROCKTIMES: Dich hätten wir beinahe vergessen. Wie bist Du eigentlich zum Singen gekommen?
Yvonne: Mit 14 Jahren habe ich mit klassischem Gesang begonnen. Dann bin ich auf Pop/Rock umgestiegen. Bei Alex Kraft in der Musikwerkstatt Dossenheim habe ich am meisten gelernt. Musikalisch interessiere ich mich außer für Deutschrock noch für viele verschiedene Stilrichtungen. Hauptsache, es berührt mich. Aber ich gebe zu, dass mein Herz auf jeden Fall den härteren Klängen gehört.
ROCKTIMES: Ihr bereitet Euch gerade auf die Produktion eurer neuen CD vor. Wie ist der aktuelle Stand?
Yvonne: Geplant ist die Veröffentlichung irgendwann im Jahr 2013. Bevor wir aber dieses Mal ins Studio gehen, wissen wir ganz genau, was wir wollen. Gepuzzelt wird nicht mehr. Immer wieder werden wir gefragt, wann das neue Album veröffentlicht wird. Wir spüren die hohe Erwartungshaltung unserer Fans. Aber auch wir haben Ansprüche an die neue Scheibe. Und es geht nichts raus, bevor wir nicht selber zu hundert Prozent damit zufrieden sind. Aber vielleicht gibt es ja auf dem ein oder anderen Gig in nächster Zeit schon mal ein paar Hörproben.
ROCKTIMES: Was erwartet uns genau?
Yvonne: Wir werden eine größere Bandbreite abdecken. Ehrliche, erdige, nicht aufgesetzte Musik. Jedes Wort kommt aus unserem Herzen. Einige Situationen, die ich in den Liedern beschreibe, habe ich selbst erlebt. Thematisch dreht es sich um alles Mögliche. Es wird sowohl was fürs Herz dabei sein, als auch gesellschaftskritische Themen oder einfach voll auf die Mütze. Fazit: Viva La Tia, wie wir leiben und lebenů Kann man das so sagen? Egal, lass Dich überraschen!
ROCKTIMES: Ich bin gespannt und wünsche Euch für die Aufnahmen alles Gute. Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast !
Am Ende des Interviews hat mir Yvonne dann noch ein paar Aufnahmen vorgespielt, die sie selbst eingespielt hat und musikalisch eine andere Richtung einschlagen, als die von Viva La Tia. Ich muss sagen, dass mich das, was ich gehört habe, sehr beeindruckt hat. Stilistisch irgendwo zwischen Blues, Swing und Jazz angesiedelt, lernte ich eine andere Seite der sympathischen Sängerin kennen. Eben noch rockig, erdig und kantig, singt sie nun glasklar mit einer Ruhe und glockenklarer Stimme, die zum Träumen anregt. Hier schlummert ein gewaltiges Potenzial und ich bin echt gespannt, wie die Karriere der charismatischen Sängerin weitergeht.
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