Die Ideen für unsere Songs fallen uns beim Motorradfahren ein
Beim Interview
Endlich erscheint nach sechs Jahren Abstinenz ein neues Studioalbum der legendären Stranglers. Legendär deshalb, weil diese Band die einzigen echten, noch aktiven Relikte der Punk-Bewegung sind, die Ende der siebziger Jahre aus Good Old England zu uns schwappte. In ihren Songs weisen sie nach wie vor auf die Missstände in ihrem Land hin und nehmen auch nach 35 Jahren Musikgeschichte immer noch kein Blatt vor den Mund.

Im Rahmen der Promotion ihrer brandneuen CD "Giants" hat RockTimes die Gelegenheit, mit Gründer und Bassist J.J. Burnel sowie Baz Warne im Hotel Mövenpick, mit herrlichem Blick auf die Ruine des Anhalter Bahnhofes und das Tempodrom, zu plaudern und das ein oder andere Späßchen zu machen. Doch zuerst werde ich von beiden in die Zange genommen, und bin auf Grund meines Outfits deren Opfer.


Interview vom 04.03.2012


Holger Ott
StranglersBaz betritt als erster den Raum. Vor mir steht im Vergleich zu meinen bescheidenen 1,70 Metern ein wahrer Hüne. Wie es sich gehört, ganz in schwarz, mit tief getönter Sonnenbrille und einer Wollmütze bekleidet. Nachdem zwei Minuten später auch J.J., ebenfalls ganz in schwarz, erscheint, geht das Gewitter los. Ich fahre Harley, wie unschwer an mir zu erkennen ist, und Baz erklärt mir, dass er ebenfalls vor Jahren mal ein ganz altes Modell der gleichen Marke besaß, eines mit Handschaltung und Fußkupplung, und er es weggegeben hat, als er bei den Stranglers eingestiegen ist. J.J. klinkt sich unverzüglich in das Gespräch ein und verklickert mir, dass sie ja beide eingefleischte Triumpf-Fahrer sind, und was mir einfällt, so einen Schrott zu fahren, von wegen schlechter Bremsen, altertümlicher Technik, keiner Leistung und so weiter.
Inzwischen dämmert es bei mir, dass die beiden ja auch Engländer sind und somit ihre Verbundenheit eine gewisse Logik aufweist. Da ich aber kein Streitgespräch vom Zaun brechen will, erkläre ich ihnen, dass es in Deutschland wenig Modelle von Triumpf gibt, und ich mich damit nicht besonders gut auskenne, was allerdings eine Notlüge ist. Trotzdem komme ich aus der Nummer nicht heraus, und die beiden hacken weiter auf mir herum. Inzwischen fühle ich mich in eine Ecke gedrängt, und muss mir ständig anhören, wie toll ihre beiden Motorräder sind, dass sie sehr oft zusammen fahren, bei Treffen in England aufkreuzen, und mir dabei von Gott und der Welt vorschwärmen lassen. Es fehlt nur noch, dass sie mir einen Kaufvertrag zur Unterschrift unter die Nase halten.
Mittlerweile ist von unserer kostbaren Interviewzeit, die auf dreißig Minuten beschränkt ist, gut die Hälfte vergangen, und wir nehmen endlich auf den vornehmen Designer-Sitzen Platz. In dem Irrglauben, dass nun alles geregelt voran geht, sitze ich aber alleine da. Beide bohren immer tiefer in meiner Wunde, und da jetzt die Zeit drängt, breche ich die Debatte kurzerhand ab. Aus dem Augenwinkel habe ich mittlerweile beobachten können, wie sich mein Kollege Mike, der die Kamera bedient, köstlich amüsiert.
RockTimes: Hallo J.J., hallo Baz, schön euch wieder einmal nach langer Zeit in Berlin zu sehen. Ihr habt nach sechs Jahren endlich eure lang erwartete, neue CD produziert mit dem Titel Giants. Fühlt ihr euch als 'Giganten'? Erzählt mir doch bitte etwas über den Hintergrund der CD.
J.J.: Wir selbst fühlen uns nicht als Giganten, dafür sind wir viel zu unbedeutend. "Giants" hat den Hintergrund, dass es der Welt in jeder Beziehung immer schlechter geht, und die Menschheit Giganten benötigt, damit sich endlich etwas ändert, bevor die Welt ruiniert wird. Damit sind in erster Linie Politiker gemeint, die nicht korrupt sind und auch mal den Mut haben, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und vor allen Menschen die Wahrheit zu sagen, und nicht immer nur dumm daher schwatzen und sich ihr Geld einstecken. Ihr habt ja in Deutschland gerade das gleiche Problem mit eurem Präsidenten.
Kuck dir mal unsere Königin an - die Alte kostet unser Land Unmengen an Geld, leistet nichts Produktives und will einfach nicht verschwinden. Für das Geld könnte man alle Obdachlosen im Land ernähren und einkleiden und viele Projekte fördern. Wir wollen mit unseren Songs einen Teil dazu beitragen, dass diese Missstände aufgedeckt werden und die Menschen sich nicht mehr alles gefallen lassen. Wenn du die derzeitige Situation in Europa ansiehst und bemerkst, wie alles den Bach runter geht, und keiner tut etwas dagegen ... Die Politiker lassen sich immer mehr von den großen Geldgebern bestechen, weil sie wissen, dass sie nur eine Amtszeit haben, um sich die Taschen vollzustopfen. Denen sind die Probleme in Wirklichkeit egal, denn bis irgendwelche Gesetze durchgesetzt werden, sind schon mehrere andere nach ihnen im Amt, und stecken sich ebenfalls nur das Geld ein.
RockTimes: Ist ja eine kräftige Aussage, mit der ihr euch bestimmt viel Ärger einhandeln werdet ...
J.J.: Wir nehmen nie ein Blatt vor den Mund, und es ist uns egal. Für uns zählt nur die Wahrheit, und so ist es nun mal, wenn man die Augen aufmacht.
RockTimes:StranglersAuf eurer neuen CD ist ein etwas ungewöhnlicher Titel. Ihr bringt einen Tango mit dem Namen "Adios". Soll das bedeuten, dass ihr euch langsam von der Bühne verabschieden wollt? Wer von euch beiden singt den Titel, der auf meiner CD in Spanisch ist? Habt ihr dafür extra Spanisch gelernt?
J.J.: Ich singe den Titel. Nein, es ist kein Abschied, es ist ein Liebeslied über zwei Menschen, die sich verlieren, und ist sehr traurig. Wieso hast du einen spanischen Song? Hast du nicht den Text dazu? Der Song wird für fast jedes Land in einer anderen Sprache gesungen, in Frankreich französisch, in Skandinavien in deren Sprache. Ich spreche spanisch, du etwa nicht? (Er spricht mich auf spanisch an, ich kann nur den Kopf schütteln, und erkläre ihm, dass ich nur eine Promo-CD habe, ohne Text.)
RockTimes: Fühlt ihr euch nach 35 Jahren immer noch als Punkband?
Baz: Wir sind lange keine Punkband mehr. Wir fühlen uns mehr als Protestsänger, die sich intensiv um politische Themen kümmern und darüber singen, als nur irgendwelche Parolen zu verbreiten.
RockTimes: Wie fühlt ihr euch wenn ihr jüngere Punkbands hört, wie zum Beispiel Green Day?
J.J.: Das ist doch keine Punkband, die machen nur Pop-Musik!
Baz: Wenn man sieht, was sich heute alles Punkband nennt - die sind doch nur zum Geld verdienen da, unter diesem Deckmantel. Die Plattenfirmen geben ihnen dieses Image, weil in dieser Szene gerade eine Lücke frei geworden ist. Die zerstören mal eine Gitarre auf der Bühne, malen sich Eyeliner ins Gesicht und kommen sich dann cool vor. Nur, weil man auf die Bühne spuckt, oder den Stinkefinger ins Publikum streckt, ist man noch lange keine Punkband. Kuck dir mal Die Toten Hosen an, wie die sich in den Jahren verändert haben, oder die anderen Bands aus unserer Anfangszeit. Deren Mitglieder laufen nur noch im Armani-Anzug rum und lassen sich auf einer Sitzgruppe fotografieren.
RockTimes:StranglersIhr beginnt in den nächsten Tagen eure Europa-Tour, und kommt auch wieder nach Berlin. Wie wird euer Programm aussehen? Ihr habt ja viele bekannte Hits über all die Jahre, welche spielt ihr davon?
Baz: Es ist sehr schwer, ein ausgewogenes Programm auszusuchen. Wir haben siebzehn Alben veröffentlicht, und einige unserer Songs sind schon etwas länger. Dadurch wird die Zeit auf der Bühne nicht ausreichen, um alle bekannten Sachen zu spielen. Selbstverständlich möchten wir auch unser neues Album vorstellen, und das ein oder andere Stück daraus spielen. Ich denke, dass alle zufrieden sein werden, aber mehr möchte ich noch nicht verraten.
RockTimes: Wie sieht denn eure Zukunftsplanung aus?
J.J.: Wir planen nichts für die Zukunft. Wir freuen uns, dass wir alle gesund sind und spielen können, und lassen alles auf uns zukommen. Jedenfalls ist nicht geplant, dass wir bald unter der Erde verschwinden.
RockTimes: Wenn ihr über eure Zeit als Musiker nachdenkt, welches waren eure schönsten und schlechtesten Erlebnisse?
J.J.: Mein schönstes Erlebnis war meine Geburt, schlechte kenne ich nicht. Ich bin am Leben, nur das zählt für mich. Ansonsten freue ich mich darauf, beim Bol d'Or, einem großen Motorrad-Event zu spielen. Das war schon immer mein Traum. Wir haben auch schon mal auf der Isle Of Man gespielt, du kennst ja sicher das große Motorradrennen. Da musst du mal hinfahren, aber nicht mit deiner Harley, sondern mit einer Triumpf Bonneville. (Schon waren wir wieder beim Thema). Da kannst du so richtig durch die Kurven heizen, aber sei vorsichtig, manche haben es in sich.
StranglersDie nächsten fünf Minuten haben sich dann wieder um ihr Lieblingsthema gedreht, bis ich J.J. leider gnadenlos die Luft abwürgen musste, um nicht den Faden zu verlieren. Sicher hätten wir noch stundenlang so weiter philosophieren können, die beiden hatten sichtlich Spaß daran, endlich einen kompetenten Interviewpartner zu haben, aber wir mussten leider zum Ende kommen.
Baz: Mein schönstes Erlebnis war der Moment, als ich während eines Festivals in England mit den Stranglers vor über 80.000 Menschen gespielt habe. Wir haben in den Sonnenuntergang hinein gespielt. Der Anblick der jubelnden Menge im Licht der untergehenden Sonne hat mich zutiefst bewegt und wird mir für alle Zeit unvergessen bleiben. Das sind Momente im Leben, die einen prägen und glücklich und nachdenklich zugleich machen. Dieses habe ich nur durch die Band erfahren können. Wir sind mehr als nur eine Band, die zusammen auf der Bühne steht, ihr Programm runter leiert und sich dann im Hotel über die Fans lustig macht. Es ist unser Leben, für die Menschen da zu sein. Wir machen auch sehr viele private Dinge zusammen. Wir fahren zum Beispiel immer gemeinsam zum Fußball, und haben uns bei der WM in Deutschland sehr viele Spiele angesehen. Wir reisen auch in diesem Jahr zur Europameisterschaft und sind bei einigen Spielen dabei.
StranglersWas ich damit sagen will ist, dass wir uns wie eine Familie fühlen. Das sind für mich die schönen Momente des Lebens. Mein schlimmster Tag war während eines Konzertes. Es war ein absoluter F...-Tag. Ich bin über ein Kabel gestolpert und mitten auf mein Gesicht gefallen. Ich habe geblutet wie ein Schwein, und das Publikum im Saal hat mich ausgelacht. Ich hatte Schmerzen, und die lachten über mich. Ich wäre am Liebsten im Boden versunken, dabei war es nicht mal meine Schuld. Das Kabel habe ich sofort gekillt, aber am größten war der Schmerz, dass die Leute gelacht haben und mit dem Finger auf mich gezeigt haben, ohne zu bemerken, wie ich mich dabei fühle. Hauptsache die Bande hat ihren Spaß gehabt. Das werde ich auch nie im Leben vergessen.
RockTimes: Jetzt haben wir über alles andere als über die Musik und über euch geredet. Draußen drängeln schon die nächsten Presseleute. Habt ihr bei dem Stress etwas Zeit, um euch Berlin anzusehen?
J.J.: Nein, leider nicht. Wir sind aber schon sehr oft privat hier gewesen und haben die Stadt erkundet. Zum Glück erkennt uns ja keiner. Es gefällt uns hier und deshalb wollen wir auch bei jeder Tour hier spielen. Mal sehen, ob uns die Fans noch mögen und wie die neue CD ankommt. Im April sind wir wieder hier in der Stadt und auch noch in Köln und Hamburg.
RockTimes: Ich möchte mich ganz herzlich bei euch beiden bedanken, und wünsche euch für die Zukunft und natürlich für die Tour alles Gute. Wir sehen uns beim Konzert wieder!
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