Interview mit Ohrenfeindt am 10.03.2012 im Stone in Düsseldorf
Ohrenfeindt
Die Trio-Formation hatte für mich schon immer einen besonderen Stellenwert in der Rockmusik

Fotos: © Katrin Tielmann


Interview vom 20.03.2012


Udo Gröbbels
Wir trafen die drei Jungs von Ohrenfeindt vor ihrem Auftritt im Stone in Düsseldorf und plauderten munter über die klanglichen Besonderheiten eines Trios, musikalische Früherziehung, Guildo Horn und natürlich über St. Pauli.
Samstagabend in der Düsseldorfer Altstadt. Zwischen jeder Menge Touristengruppen, Junggesellenabschieden und den ersten Kneipengängern liegt das Stone auf der Ratinger Straße. Unter seinem alten Namen Ratinger Hof wurde dort vor 30 Jahren Musikgeschichte geschrieben, denn u. a. Fehlfarben, die Krupps und die Toten Hosen entstanden im Umfeld dieses legendären Clubs. Heute, unter dem Namen Stone, ist der Club immer noch für seine gute Alternative-Disco und gemütlichen Clubkonzerte bekannt. Im winzigkleinen Backstage-Bereich trafen wir Sänger/Bassist Chris Laut, Drummer Flash Ostrock und Gitarrist Dennis Henning während bzw. kurz nach dem Abendessen.
RockTimes: Euer aktuelles Album Schwarz auf Weiss ist jetzt zehn Monate auf dem Markt und mit dem Charteinstieg auf Platz 53 Euer mit Abstand bisher erfolgreichstes Werk. Wie seht Ihr die CD heute mit etwas Abstand betrachtet?
Chris: OhrenfeindtNatürlich sagen alle Künstler, dass ihre aktuelle Scheibe immer die beste ist. Und das stimmt ja meist auch, denn du versuchst ja immer, das Bestmögliche zu diesem Zeitpunkt abzuliefern, und seit der letzten Scheibe solltest du ja auch was dazugelernt haben (lacht). Außerdem haben wir vorher in kein Album so viel Zeit, Kraft und Geld investiert und ich denke schon, dass man das hört. Natürlich gibt es immer Kleinigkeiten, die du hinterher ändern möchtest, aber als Gesamtwerk bin ich sehr zufrieden mit "Schwarz auf Weiss". Aber klar: Da ist immer noch Luft nach oben. Wäre ja schlimm, wenn wir jetzt keine Schippe mehr drauflegen könnten!
RockTimes: Ohrenfeindt ist seit langer Zeit als Trio unterwegs. Genau wie Motörhead wart Ihr aber in der Anfangzeit auch mal ein Quartett mit zwei Gitarren. Fehlt Euch nicht manchmal eine zweite Gitarre auf der Bühne?
(Chris lacht und zeigt mit beiden Armen auf Gitarrist Dennis)
Dennis: Ich denke nicht, dass uns live eine zweite Gitarre fehlt. Die Songs sind ja extra so geschrieben bzw. arrangiert, dass sie auch live ohne Verlust umsetzbar sind. Im Studio kann man natürlich ein bisschen tricksen, aber uns ist wichtig, dass wir es live genau so spielen können.
Chris: Wenn überhaupt, fällt es bei den Soli auf, aber ich spiele dann den Bass (manchmal abweichend von der Studioaufnahme) so, dass er die Rhythmusgitarre mit übernimmt - zum Beispiel mittels Double-Stop-Licks, um etwas mehr Fundament in die Songs zu kriegen. Außerdem ist das Leben als Trio viel einfacher. Als Faustregel: Jede Nase mehr, verdoppelt den Ärger - mit fünf Musikern hast du viermal soviel Ärger wie mit drei Leuten (alle lachen los). Im Ernst: Die Trio-Formation hatte für mich schon immer einen besonderen Stellenwert in der Rockmusik. Wenn du gute handgemachte Musik machen willst, reicht diese Formation locker aus. Das Trio ist die minimalistischste Version einer Rockband. Das siehst Du bei Cream, Motörhead, Rush oder Budgie, falls die noch jemand kennt. Und du brauchst weniger Platz im Bus, weniger Schlafplätze und hast insgesamt weniger Kosten.
RockTimes: Dazu passt dann auch direkt meine nächste Frage. Chris, Du bist ja hauptsächlich Sänger, Frontmann und Aushängeschild der Band. Dabei wird Deine Rolle als Bassist sicher oft in den Hintergrund gestellt. Stört es Dich, dass Du vielleicht nicht auch als Bassist wahrgenommen wirst?
Chris: Nein, das stört mich überhaupt nicht. Ich sehe mich selbst nicht als Bassisten, der auch noch singt, sondern als Sänger, der auch noch Bass spielt. In einem Trio muss der Sänger nun mal auch ein Instrument übernehmen, und der Bass fiel mir als Zusatzaufgabe zum Gesang leichter als die Gitarre. Und der Bass steht mir optisch auch besser, was selbstredend auch wichtig ist (lacht).
RockTimes: OhrenfeindtIn Eurer bisherigen Karriere habt Ihr im Vorprogramm von vielen Bands aus sehr unterschiedlichen Musikrichtungen gespielt. Ändert Ihr jeweils Euer Programm, wenn Ihr vor In Extremo, Birth Control, den Toten Hosen oder gar Torfrock spielt?
Flash: Die Setlist unterscheidet sich eigentlich nicht, denn unser Stil ist ja klar abgesteckt. Das ändern wir nicht. Wir sind Ohrenfeindt und spielen unseren Stil. Das Schlimmste ist sowieso, wenn du dich verstellst - das merkt das Publikum sofort und dann hast du verloren.
Chris: Ich gebe zu, dass wir anfangs schon Bedenken hatten, bevor wir die erste Show mit Torfrock - ich glaube, das war 2006 - gespielt haben. Torfrock sind in Norddeutschland absolute Urgesteine, und ihr Stil ist deutlich ruhiger und folkiger als unser Zeug. Trotzdem hat das wunderbar geklappt und wir sind sehr gut angekommen. (Chris ist gar nicht mehr zu bremsen und plaudert munter weiter). Ein einschneidendes Erlebnis hatten wir in Celle. Wir spielten vor Guildo Horn (allgemeines Gelächter im Backstage-Bereich). Das Konzert wurde von einer Behindertenwerkstatt veranstaltet und keiner wusste, was für ein Publikum wir da zu erwarten hatten. Es war ein gemischtes Publikum aus Menschen mit und ohne Behinderungen, alten und jungen Leuten, Schlager- und Rockfans. Und die Menschen mit Behinderungen sind uns besonders im Gedächtnis geblieben. Gerade Menschen mit geistiger Behinderung analysieren dich nicht. Deine Klamotten, die Konstruktion deiner Songs und alle Gedanken, die du dir im Vorfeld gemacht hast, sind ihnen vermutlich egal. Es geht ausschließlich darum, ob deine Musik sie berührt oder eben nicht - eigentlich die beste und schönste Herangehensweise an Musik. Die vorbehaltlose Dankbarkeit und unbefangene Freude, die wir bei dieser Show erfahren haben, ist für uns ein großes Geschenk, das wir nie vergessen werden. Genau denselben Effekt erlebst du übrigens bei kleinen Kindern. Viele ältere Fans bringen ihre Kinder mit zum Konzert. Die bekommen dann zwar Ohrenstöpsel, aber die Energie und den Spaß nehmen sie dennoch auf. Der sechsjährige Sohn einer Bekannten fährt total auf uns ab und will im Auto immer nur den »heißen Scheiß« [Anmerkung: Zitat aus dem Song "Rock'n'Roll Sexgott"] hören.
RockTimes: Musikalisch liegen Eure Wurzeln ja unverkennbar bei AC DC und Rose Tattoo. Was habt Ihr denn für textliche Vorbilder?
Chris: OhrenfeindtDa bin ich von mehreren Seiten inspiriert worden. Zum einen ganz klar Stoppok, der zusammen mit Danny Dziuk so großartige Songs wie "Ärger" oder "Wenn du weggehst" geschrieben hat. Das hat mich schon beeinflusst. Auch Udo Lindenberg gehört dazu, streckenweise Grönemeyer, der frühe Westernhagen bis "...Pfefferminz...". "Taximann" ist meiner Meinung nach eine geniale Nummer. Klar haben mich auch die typischen Rock'n'Roll-Lyrics unsere alten Helden beeinflusst - dort, wo es auch um Motorräder, Autos, eine gute Zeit haben und - nicht zu unterschätzen - Frauen (oder genauer: die Liebe) geht. Da zwei von uns keinen Alkohol trinken, fällt der 'Drugs-Aspekt' weg, da müssen Sex und Rock'n'Roll eben etwas mehr leisten (lacht). Eine ganz wesentliche Inspiration ist mein Wohnort: St. Pauli, zwanzig Meter von der Reeperbahn entfernt. Ich kann von meiner Haustür fast bis zur Davidswache spucken. Was du da jeden Tag erlebst... (grinst). Und der FC St. Pauli sollte auch nicht unerwähnt bleiben. Ich habe 'ne Dauerkarte und sehe so viele Spiele wie möglich.
RockTimes: Auf "Schwarz auf Weiss" sticht "Valerie", eine traurige Drogengeschichte, textlich heraus. Ist der Text autobiographisch? Gab es die Dame tatsächlich?
Chris (ernst): Ja, die Geschichte ist leider wahr und schon sehr lange her. Es handelte sich um eine alte Freundin, die mit den falschen Leuten und Substanzen in Berührung gekommen ist. Ihren Namen habe ich im Song klarerweise geändert. Ich habe den Text schon vor langer Zeit geschrieben, aber es hat nie gepasst. Ich habe die Musik und den Text immer wieder umgeschrieben, aber es hat sich nie 'richtig' angefühlt. Erst jetzt zur letzen Platte habe ich die richtige Musik gefunden, den Text nochmals umgeschrieben und dann passte plötzlich alles zusammen.
RockTimes: Gehst Du immer so vor beim Komponieren?
Chris: Nein, das war eine Ausnahme. Meist geht es viel schneller - wie zum Beispiel bei "Es wird Tag auf St.Pauli". Ich saß morgens nach einer durchfeierten Nacht im Roschinsky's auf dem Kiez, traf am Tresen die im Lied besungene Frau und schrieb den Text noch im Laden auf. Zuhause habe ich dann direkt die Musik geschrieben und zehn Minuten später war das Ding fertig.
RockTimes: Auch 2012 habt Ihr mal wieder eine vollen Tourplan. Was macht Ihr denn zwischen den Gigs, damit es unterwegs nicht zu eintönig wird?
(Flash und Dennis brüllen gleichzeitig »Autofahren« in den Raum)
Chris: Wir fahren pro Jahr knapp 50.000 Kilometer, da hat jeder seine eigene Art der Unterhaltung. Flash liest zum Beispiel viel und sogar anspruchsvolle Sachen - ganz ohne Bilder (allgemeines Gelächter). Dennis hört viel Musik und ich habe dann oft 'n Laptop auf den Knien und kümmere mich um Merchandise, Fan-Mails oder die Pflege der Homepage, Facebook-Seite etc. Das ist mittlerweile doch ganz schön aufwendig und so lässt sich die Zeit im Bus gut nutzen.
RockTimes: OhrenfeindtWenn man Fotos von euch sieht, seid Ihr immer die lässigen Vorzeigerocker mit Sonnenbrille und coolem Blick. Nervt Euch Euer Image manchmal auch oder seid Ihr da immer zu 100% Ihr selbst?
Flash: Also mir wird immer gesagt, dass ich böse gucken soll (allgemeines Gelächter).
Chris: Wir sind schon wirklich so, wie wir uns zeigen und verbiegen uns da nicht. Natürlich ist man nicht 24 Stunden am Tag der coole Rocker, aber wir tragen das nach außen, was wir im Inneren fühlen. Die Sonnenbrille habe ich schon immer auf der Bühne auf - sie ist halt mittlerweile ein liebgewonnenes Markenzeichen geworden.
Dennis: Ganz wichtig ist, dass wir das mit der Band nicht machen, um einfach nur berühmt zu werden - wir tun das, weil wir das einfach machen müssen! Und deshalb geben wir immer alles, egal ob da 20 oder 20.000 Fans sind.
Chris: Es gibt eine Zeile aus "Rock'n'Roll Outlaw" von Rose Tattoo, die eigentlich genau das ausdrückt: »I've got music livin' inside of me, I gotta set it free«. Besser kann man das nicht ausdrücken.
RockTimes: Zum Schluss noch die Frage nach weiteren Plänen und Aktivitäten in 2012 und der Zukunft.
Chris: Es kann ja nie genug Konzerte geben. Neben den Clubshows im Frühjahr und Herbst stehen im Sommer wie immer Festivals und große Bikertreffen wie das Edersee-Meeting oder die Harley-Rally an (Details s. Homepage). Wir versuchen immer, pro Jahr um die hundert Konzerte zu spielen - viele davon sind 'Wiederholungsshows' in Läden, wo wir jedes Jahr immer wieder gerne spielen, wie etwa das Spektrum in Augsburg oder der Colos-Saal in Aschaffenburg, um mal zwei herauszugreifen. Solche Shows sind immer ein wenig 'Zuhause in der Fremde' und es ist wundervoll, wenn du unterwegs vertraute Gesichter unter Veranstaltern, Technikern und Fans siehst. Einige unserer Fans fahren hunderte von Kilometern und ziehen sich bis zu zwanzig unserer Shows im Jahr rein. Hammer, oder? Da können wir uns nur dankbar verneigen.
RockTimes: Dann sage ich vielen Dank für das Interview und viel Erfolg gleich beim Konzert.
Chris: Gern geschehen! Euch auch viel Spaß beim Konzert!
Beim anschließenden Auftritt im proppevollen Stone gab es dann über zwei Stunden die absolute Vollbedienung. Nach dem witzigen Intro (Gespräch zwischen zwei Polizisten auf dem Kiez) ging es direkt mit "N' Job in 'ner Bank" ohne Kompromisse los. Meine Frage nach dem zweiten Gitarristen hätte ich mir sparen können, denn live sind Rhythmusgruppe und Gitarrist ein eingespieltes, tightes und vor allem sehr druckvolles Trio. Gekrönt mit einem sehr guten Sound im Club hatte der Kiez-Dreier das Publikum schnell auf seiner Seite. Das Set war kurzweilig und abwechslungsreich aus alten und neuen Songs gestaltet und neben den schnellen Nummern gab es auch immer mal wieder etwas Raum für ruhigere und bluesige Töne. Highlights waren neben "Es wird Tag auf St. Pauli" und "Zum Rocken geboren" vor allem "Sie hat ihr Herz an St. Pauli verloren". Hier sang wirklich jeder mit und Chris hatte sichtlich Spaß am Düsseldorfer Chor.
Ohrenfeindt Ohrenfeindt Ohrenfeindt
Nach etwas über zwei Stunden inkl. drei Zugaben war dann Schluss und wie üblich gab es nach dem Konzert noch Autogramme für jeden, der wollte. Bei Ohrenfeindt wird Fanfreundlichkeit eben groß geschrieben!
Wir bedanken und ganz herzlich bei Chris Laut für die unkomplizierte Akkreditierung und bei der gesamten Band für das Interview in lockerer Atmosphäre.
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