Ich liebe es alles in Ordnung zu haben und ich liebe es alles zu kontrollieren.
Martin Diesen
In Deutschland bislang noch ein Geheimtipp, treffe ich im Berliner Magnet-Club zur Premiere ihrer neuen selbstbetitelten CD, die norwegischen Hardrocker von Inglow. Im Gespräch mit Sänger Martin Diesen und Gitarrist Andreas Rustad erfahre ich unter Anderem, weshalb der Tom Petty-Titel "Free Fallin'" ihre erste Single auf dem deutschen Markt ist.


Interview vom 27.08.2013


Holger Ott
Rocktimes: Hallo und Willkommen in Berlin und schön, dass Ihr die Zeit gefunden habt, ein wenig mit mir über Euch zu plaudern.
Martin Diesen: Wir freuen uns auch, dass wir hier in Berlin sind und unsere neue CD vorstellen dürfen. Es ist bereits unser zweites Mal und in ein paar Wochen sind wir erneut hier und spielen am 10. September auf der Funkausstellung.
Andreas Rustad: Wir haben 2009 schon einmal hier gespielt und damals unsere erste CD "Till Deaf Do Us Part" vorgestellt. Wir wurden hier sehr gut aufgenommen und deshalb hat Berlin einen besonderen Platz in meinem Herzen.
Rocktimes: In unserem Land kennen Euch leider bislang nur wenige Musikfans, deshalb bitte ich Euch, etwas über die Band und Eure Musik zu erzählen.
Martin: Die Band startete im Jahre 2000 und ich bin 2002 hinzu gekommen. 2004 wurde die erste EP und 2007 die erste CD veröffentlicht. Die aktuelle Besetzung existiert erst seit drei Jahren und wir haben dann sofort angefangen, die Songs für das Album "Inglow" zusammenzustellen und aufzunehmen. Mit neuem Drummer und Bassisten haben wir einen völlig anderen Sound erreicht, deshalb klingt das neue Album deutlich kräftiger. Wir sind nun fünf unterschiedliche Musiker, die aus verschiedenen Bereichen stammen. Wir haben mit Andreas einen Rock'n'Roller, mit mir einen Popsänger, einen Metal-Drummer und so weiter. Jeder bringt seine musikalischen Erfahrungen mit ein. Diese Mischung bringt einen völlig neuen Sound auf der CD und natürlich auf der Bühne. Als wir die zweite CD aufnahmen, hatten wir völlige Freiheit zu entscheiden, wie die Songs klingen sollen. Das Album spiegelt genau das wider, was wir als Gemeinschaft sind. Also ohne Einflüsse von außerhalb. Wir haben uns dann dazu entschieden, das Album "Inglow" zu nennen, da es das erste ist, das außerhalb unserer Heimat Norwegen veröffentlicht wird und somit ein höherer Wiedererkennungswert entsteht. Wir haben einen Song darauf mit dem Titel "What You See Is What You Get" und das beschreibt am Besten, was unsere Fans an uns haben.
Rocktimes: Mir liegt die CD "Inglow" in der Special Edition vor, auf der drei Bonustracks enthalten sind. Für mein Empfinden sind die Songs, im Vergleich zum Hauptteil der CD, etwas zu weich und zart. Warum habt Ihr diese Stücke hinzugefügt?
Martin: Für uns sind diese Bonustracks mehr wie B-Seiten. Wir haben in Norwegen bereits andere Songs als Singles veröffentlicht und diese sind in den Charts sehr erfolgreich gewesen. Wir konnten sie nur mit einer zugehörigen B-Seite bringen. Deshalb ist zum Beispiel auf "Hey Believer" das gleiche Stück noch einmal in einer Akustikversion und somit auch als Bonus auf die CD gekommen. Heute Abend werden wir allerdings nur die Originalstücke spielen. Wenn wir auf der IFA (Funkausstellung) spielen, machen wir dort ein Akustik-Set und diese Songs werden dann dabei sein.
Rocktimes: Ihr werdet heute Abend also nur die harte Seite von Euch zeigen. Wie ich weiß, spielt Ihr leider nur eine Stunde. Wird es nur die aktuelle CD sein?
Martin: Wir spielen heute eine gute Mischung aus beiden CDs, damit das Publikum erkennt, was wir alles bereits gemacht haben, um somit ein objektiveres Bild von uns zu bekommen. Leider ist es nur eine Stunde. Wir würden gerne länger spielen, aber es ist aus zeitlichen Gründen nicht möglich.
Rocktimes: Wie habt Ihr eigentlich begonnen, Euch für Musik zu interessieren und dann selbst zu spielen?
Andreas: Ich bin ein riesiger Guns N' Roses-Fan und wurde damals inspiriert, Gitarrespielen zu lernen. Slash war für mich so etwas wie ein Held an der Gitarre. Dann habe ich angefangen, mich für ältere Bands zu interessieren, wie Pink Floyd, natürlich David Gilmour, seine Art Gitarre zu spielen, und selbstverständlich Deep Purple.
Holger und Inglow Martin: Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich in einer Marschkapelle gespielt. Ich war auf einer Convention und habe dort eine Drumline gesehen. Es hat mir imponiert, wie kraftvoll das klang. Das hat mich so fasziniert, dass ich die Kapelle verlassen habe, um Drums zu spielen. Ich habe keine Noten gekonnt und nur nach Gefühl gespielt. Irgendwann, mit fünfzehn Jahren, habe ich dann entdeckt, dass ich singen kann. Ich hab dann versucht, alle möglichen Harmonien zu singen und meine Stimme wurde immer besser und ausgeprägter. Es war wie eine musikalische Entdeckungsreise. Dabei habe ich mich dann mit der Musik von Phil Collins auseinandergesetzt und bin vom Schlagzeuger zum Sänger geworden. Als ich ein kleiner Junge war, habe ich ständig die Beatles gehört. Ich liebte deren Harmonien. Mein Vater hat mir oft die Platten weggenommen und mir Musik von
Elvis Presley vorgespielt. Plötzlich habe ich gemerkt, dass mir diese Musik viel besser gefällt, denn er war ein Mann, der nur durch seine Stimme überzeugen konnte. Du bekommst eben das bei ihm, was du siehst und hörst. Auf unserem neuen Album habe ich bei einigen Songs die alten Mikrofone verwendet, die es damals zur Zeit von Elvis und den Beatles gab. Dadurch haben wir einen besonderen Sound erreicht. Die komplette Musik ist durch die Technik wie Equalizer und so weiter angepasst worden - bis auf meine Stimme. Ich wollte, dass sie nicht verändert oder verbessert wird. Somit hört man auf der CD "Inglow" meine ehrliche Stimme. Das ist die Art von Gesang mit der ich als Kind begonnen habe, als ich es das erste Mal hörte und nun hat sich der Kreis geschlossen und ich kann ebenso singen.
Rocktimes: Was haben denn Deine Eltern gesagt, als Du damals von der Schule gegangen bist, um zu singen statt eine Ausbildung zu beginnen?
Martin: Meine Eltern haben mich immer unterstützt, mir nie Vorschriften gemacht und mich meine Entscheidungen so treffen lassen, wie ich es für richtig empfunden habe. Ich habe mit siebzehn Jahren angefangen, auf Tour zu gehen. Das war vor der Hälfte meines Lebens. Meine Eltern sind zu jeder Show gekommen, wenn wir in Oslo gespielt haben. Singen ist für mich das Größte und eben das Beste, das ich kann.
Rocktimes: Du hast bei der norwegischen Version von "The Voice" mitgemacht. Welche Erfahrungen hast Du dort gesammelt?
Martin: Als wir das Album beendet hatten, habe ich daran teilgenommen. Ich habe dafür extra Solo-Songs komponiert und damit angefragt, ob diese dafür geeignet wären. Es war eine große Erfahrung für mich. Ich habe dort in einem großen Studio vor vielen Fernsehkameras gearbeitet und dadurch jede Menge dazugelernt. Ich wurde sogar bis ins Halbfinale gewählt. Das Lustige daran ist, dass ich "The Voice" zu spät gemacht habe. Ich hatte ja bereits angefangen, eine Karriere zu starten. Gleichzeitig mit "The Voice" hat Inglow auch viel mehr Aufmerksamkeit erhalten. Im Endeffekt habe ich dann doch die Band vorgezogen und bin wohl deutlich glücklicher mit der Entscheidung.
Rocktimes: Auf Eurer CD "Inglow" befindet sich ein Coversong von Tom Petty. Wie seid Ihr darauf gekommen, Euch überhaupt für ein Cover und dann ausgerechnet für dieses zu entscheiden?
Andreas: Martin ist eigentlich gar nicht so ein Fan von Tom Petty und hört nicht sehr viel Musik von ihm. Wir haben vor einiger Zeit zu Hause auf der Couch gesessen und festgestellt, dass wir eine Phase hatten, in der wir uns nur im Kreis drehen. Wir hörten John Lennon mit "Imagine" und coverten den Song. Wir waren damit aber nicht zufrieden. Zufällig lief dann Tom Petty im Radio und Martin hat mit seiner dunklen Stimme die Texte mitgesungen. Somit war uns klar, dass genau dieser Song am Besten passen würde, um ihn zu covern.
Martin: Wenn Tom Petty den Song singt, dann klingt er so traurig und ruhig. Wir haben ihn durch unsere kräftigen Gitarren und die heavy Drums viel druckvoller gemacht. Wir haben uns dann entschlossen, daraus eine Single zu machen und ein Video aufzunehmen. Ich kenne viele Leute in Oslo, die beim Radio oder Fernsehen arbeiten. Der Song wurde dadurch oft gespielt und hat uns sehr bekannt gemacht. Das Gute daran ist, dass auch sehr viele Tom Petty-Fans das so mögen, wie wir es interpretieren und das macht uns sehr stolz. Wir selbst sehen es nicht als ein Cover, sonders als einen Tribut für einen großen Künstler.
Rocktimes: In den Jahren, in denen Ihr Musik macht, habt Ihr bestimmt sehr viel Positives erlebt. Was war das schönste Ereignis in dieser Zeit?
Andreas: Für mich war es im Jahr 2007 als wir Muse supportet hatten.
Martin: Wir haben zwei Tage vor dem Konzert erfahren, dass wir dort spielen sollen. Wir waren gerade Vorprogramm eines anderen Künstlers und hatten einen Abend zuvor noch gespielt. Wir sind dann noch in der Nacht zehn Stunden bis nach Trondheim gefahren, sind dann an diesem riesigen Zelt angekommen, in dem achttausend Menschen Platz haben. Für uns war das die größte Bühne, die wir jemals gesehen haben. Der ganze Tag vor dem Konzert war so intensiv. Wir haben Interviews für alle Medien gemacht, hatten Fototermine und Autogrammstunden. Und jeder hat uns gefragt, wie wir an diesen Job gekommen sind. Unsere Antwort war ganz einfach: wir wurden gefragt. Und so ist es immer die gleiche Antwort, wenn uns jemand diese Frage stellt. Es war der Tag, als wir für Muse im Vorprogramm gespielt haben. Auch heute ist es ein besonderer Tag für mich, ein Tag, an dem ich besonders stolz bin. Heute veröffentlichen wir zum ersten Mal eine CD außerhalb von Norwegen und wir sind sehr aufgeregt und gespannt, wie uns das deutsche Publikum bewerten wird. Wir haben heute die Möglichkeit, vor einem völlig anderen Publikum zu spielen. Vor Menschen, die uns wahrscheinlich noch nie gehört haben.
Rocktimes: Könnt Ihr Euch daran erinnern, was das negativste Erlebnis in Eurer bisherigen Karriere war?
Martin: Wenn man als junge Band - so wie wir - auf Tour geht, dann erlebt man fast ausschließlich positive Dinge. Alles ist neu, alles ist fremd. Jeden Tag passiert ein spannendes Erlebnis, sodass man die wenigen kleinen negativen überhaupt nicht beachtet. Deshalb gibt es so gut wie nichts Negatives, über das wir reden könnten.
Andreas: Wir befinden uns ja immer noch in einem Lernprozess. Natürlich muss man darin auch kleine Rückschläge in Kauf nehmen. Wenn zum Beispiel mal ein Kabel defekt ist oder der Sound nicht so gut, wie wir es uns wünschen. Oft haben wir weniger Publikum als wir es erhofft haben, aber so etwas bewerten wir nicht als schlecht, sondern lernen daraus, dass wir noch einiges viel besser machen müssen.
Martin: Ich hatte mal ein schlechtes Erlebnis mit einem Mikrofonständer. Ich stoße ihn manchmal nach vorne und ziehe ihn dann mit dem Kabel zu mir zurück. An einem Tag hatte ich allerdings ein drahtloses Mikrofon und dabei war ich einmal unkonzentriert. Der Ständer schlug mir zuerst ins Gesicht und fiel danach in das Drumset. Aber wenn ich tief in mir grabe und nach dem schlechtesten Tag suche, dann könnten die Leser nun in meinem Gesicht nur Fragezeichen sehen. Alles was ich mache, mache ich nach Murphys Gesetz. Was könnte passieren, wenn etwas passiert? Wir haben nun eine dreizehn Jahre alte Band und in dieser Zeit hätte so viel passieren können, aber zum Glück, ist bis jetzt alles gut gegangen.
Rocktimes: Ich weiß von Dir, Martin, dass Du ein Perfektionist bist. Wie äußert sich das bei Dir?
Martin: Der Teufel steckt im Detail. Ich liebe es gut vorbereitet zu sein. Wenn der Gig schon schlecht anfängt, dann geht er meist auch komplett in die Hose. Es liegt immer an den Umständen, die dazu führen. Oft kann ich das nicht vorher beeinflussen. Ich liebe es, alles in Ordnung zu haben und ich liebe es, alles zu kontrollieren. Heute Abend wird es ein guter Abend, das fühle ich und ich bin mir sicher.
Rocktimes: Wenn Ihr die Möglichkeit hättet, Sänger oder Gitarrist einer großen berühmten Band sein zu können, beispielsweise Deep Purple oder AC/DC oder sonst welchen, wen würdet Ihr bevorzugen und würdet Ihr das überhaupt machen?
Martin: Wenn Du mich so fragst, Incubus oder Biffy Clyro würde ich bevorzugen. Diese Bands machen für mich großartige Musik.
Andreas: Wie ich anfangs schon angedeutet habe, würde für mich nur Guns N' Roses in Frage kommen. Mir wäre es dabei auch egal, ob als Lead- oder Rhythmusgitarrist. Ich mag beide Positionen.
Rocktimes: Was macht Ihr, wenn Ihr keine Musik spielt. Habt Ihr besondere Hobbys?
Martin: Ich schieße mit Waffen. In Norwegen ist es erlaubt, wenn man eine Genehmigung hat. Ich war im letzten Jahr in Afghanistan und habe dort extrem viel Elend gesehen. Für mich ist es ein Abbau von Aggression, wenn ich schießen kann. Ich liebe das Geräusch von lauten 'Bangs'. Zudem bin ich sehr sozial engagiert und helfe oft bei freiwilligen Projekten.
Andreas: Ich bin ein totaler Naturliebhaber. In Norwegen sind riesige Wälder, die ich gerne durchstreife und viele hohe Berge, auf die ich noch steigen möchte. Ich gehe gerne angeln und entspanne mich stundenlang dabei. Außerdem bin ich sportlich sehr aktiv und ansonsten ein häuslicher, familiärer Mensch.
Rocktimes: Welche Pläne habt Ihr für die Zukunft?
Martin: Wir haben gerade erst einen Schneeball gestartet, der den Berg hinunter rollt und dabei hoffentlich immer größer wird und nicht mehr zu stoppen ist. Wir wollen versuchen, eine Lawine auszulösen. In unserer Heimat Norwegen haben wir es schon geschafft, recht erfolgreich zu sein und nun sind wir soweit, dass man uns auch im Ausland kennenlernen sollte.
Rocktimes: Ich wünsche Euch dazu alles Beste und viel Erfolg. Vielen Dank für das schöne Gespräch und ein gutes Konzert heute in Berlin.
Martin: Ebenfalls vielen Dank und viele Grüße an alle Leser und vielleicht zukünftigen neuen Fans.
Andreas: Auch vielen Dank von mir, dass sich Euer Magazin die Zeit für uns nimmt.
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