Grey's Tone: Vollste Zufriedenheit darf es bei Musikern nicht geben, denn das würde Stillstand bedeuten
Grey's Tone Neulich flatterte mir One Eyed Jack von Grey's Tone auf meinem Tisch. Das Besondere daran ist, dass das Album von einem meiner Kollegen, Michael 'Mike' Schröder, mit eingespielt wurde. Da ich sowieso immer auf der Suche nach guten einheimischen Bands bin, konnte ich quasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Doch lest selbst, was die Band aus dem Herzen des Ruhrgebiets alles zu erzählen weiß.



Interview vom 15.12.2014

Fotos: melezoid.de


Mike Kempf
Rocktimes: Hallo Mike, ich denke wir sollten für unsere LeserInnen gleich die Karten offen legen. Den Meisten wird sowieso längst aufgefallen sein, dass wir beide für das wohl beste (augenzwickernd) Online-Magazin Rocktimes: tätig sind. Dass Du nebenbei in einer Band am Keyboard agierst, ist mir spätestens seit Deiner runden Geburtstagsfeier bekannt. Überrascht hast Du mich, als Du mir vor kurzem erzähltest, dass Du mit Deiner Band Grey's Tone zahlreiche Eigenkreationen auf einer CD der Nachwelt hinterlassen möchtest. Nun ist aus der Idee Wirklichkeit geworden. Erzähl doch mal aus Deinen Anfängen selbst zu musizieren wie kam es dazu?
Grey's ToneMike: Hi Mike, erst mal danke, dass Du dir die Zeit nimmst, dieses Interview mit uns zu machen. Angefangen habe ich sehr spät mit dem musizieren. Ich war 29 und ein guter Freund war dabei eine Coverband aufzuziehen. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte da mitzumachen. Also kaufte ich mir ein kleines Keyboard und fing an mit dem 'Einfingersystem' die richtigen Töne aus dem Teil zu holen. Als er mir dann nach einiger Zeit zeigte, dass man für einen Akkord drei Töne gleichzeitig drücken musste war ich kurz davor aufzugeben (lacht). Ich habe mich dann aber durchgebissen und geübt und geübt, bis es einigermaßen passabel funktionierte. Heute, 25 Jahre später, bin ich mit meinen Fähigkeiten zwar immer noch nicht zufrieden, aber es hat sich einiges verbessert. Wenn ich noch mal anfangen würde, wäre der erste Schritt in eine Musikschule zu gehen, um richtigen Unterricht zu nehmen, dann wäre vieles sicherlich einfacher gewesen.
Rocktimes: Wie in Eurem Infoblatt zu lesen ist, habt ihr als Coverband angefangen. Gab es, oder gibt es immer noch, so eine Art Lieblingsband oder Songs die ihr besonders gern covert oder nachgespielt habt?
Mike: Ja natürlich, wir lieben alle die Stones, Hendrix, CCR, Beatles und viele andere aus der guten alten Zeit und spielen deren Stücke auch weiterhin als Coverband. Einer unserer Lieblingssongs ist "Dead Flowers" von den Stones. Allerdings bauen wir bei unseren Konzerten gerne mal ein paar eigene Stücke ins Programm ein, weil wir festgestellt haben, dass die Leute auch diese mögen. Wir werden in Zukunft allerdings verstärkt Konzerte spielen, bei denen es ausschließlich um unsere eigene Musik geht. Darauf freuen wir uns schon sehr!
Rocktimes: Wie kam es denn letztlich dazu eine eigene CD zu produzieren? Und bei der Gelegenheit, wie viel Zeit muss man in etwa in so eine Produktion investieren?
Grey's ToneMike: Der Oli ist ja ein begnadeter Songwriter und schreibt seit den 70ern eigene Stücke. Als er vor einigen Jahren unseren Bandsong "Grey's Tone Boogie" schrieb, hatten wir uns überlegt weitere Songs aus seinem Songpool anzupacken. Das gefiel uns so gut, dass wir viele Stücke angetestet und bei den Proben musikalisch ausgearbeitet haben. Zur Produktion einer CD war dann der Weg nicht mehr weit. Wir haben im Februar mit den Aufnahmen zu "One Eyed Jack" begonnen und uns Zeit gelassen. Im Mai waren die Stücke dann im Kasten. Das Abmischen und Mastern hat leider eine Weile gedauert, weil es nicht ganz einfach war, Termine zu finden an denen wir uns gemeinsam mit Helmer zum anhören und nachjustieren treffen konnten. Anfang September war alles fertig und im Oktober kam dann die CD vom Presswerk.
Rocktimes: Oli erzähl mal, wie funktioniert Dein Gehirn, wenn es darum geht einen Song zu entwerfen? Schwirrt dabei zuerst ein Riff, eine Melodie in Deinen Gedanken umher oder wird zuerst am Text rumgewerkelt?
Oli 'the cat' KnabbenOli: Eine gute Frage und gar nicht so einfach zu beantworten. Bei mir sind fast immer zuerst die Akkorde da. Manchmal habe ich vorher schon eine bestimmte Vorstellung, in welche Richtung der Song gehen soll. Das ist auch sehr von der momentanen Stimmung abhängig. Verrückterweise sind mir die besten Songs eingefallen, als ich nicht gut drauf war oder es mir richtig schlecht ging. Dann ist die Gitarre mein Ventil, um Dampf abzulassen und meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ich probiere Akkordverbindungen aus; etwa so: Dieser Übergang ist gut, hier müsste ein Mollakkord hin, jetzt eine Bridge, nein, noch zu früh, erst einen knackigen Refrain usw. Beim Spielen und Ausprobieren entsteht im Kopf dazu eine Melodie. Sie kommt von ganz alleine, ich vermag nicht zu sagen, woher sie kommt. Diese Melodie festzuhalten, ist sehr wichtig! Die meisten meiner Songs entstehen an einem Abend und an einem Stück. Oft noch nicht perfekt, aber in den nächsten Tagen kommt der Feinschliff. Manchmal wird aber auch nichts mehr verändert. Gelegentlich ist ein Riff Ausgangsbasis für einen neuen Song. Zuhörer mögen (vielleicht auch unbewusst) diese Art Lieder. Das knackige Riff, ähnlich wie ein guter Refrain, hat stets einen hohen Wiedererkennungswert. Dann ordnet sich der Rest des Songs diesem unter. Auch hiervon haben wir einige sehr mitreißende Songs auf Lager.
Zuletzt der Text. Der ist mir sehr wichtig. Die Songs der Rock- und Popmusik sind in der Regel 3 bis 6 Minuten lang. Zu solch einem kurzen Musikstück einen Text zu schreiben, ist für mich eine ganz eigene Kunstform, die es sonst nirgendwo gibt. Eventuell noch vergleichbar mit einem Gedicht. Natürlich kannst du nicht immer tiefgehende und emotional aufgeladene Songs schreiben, aber alle meine Lieder haben eine ganz konkrete Aussage. Deshalb haben wir auch sämtliche Texte auf der neuen CD mitgeliefert. Der Titel "Cleaner" erzählt beispielsweise die Geschichte eines von der Politik angeheuerten Profikillers, gedeckt vom Präsidenten höchst persönlich. "One Eyed Jack" ist die Fiktion eines Revolverhelden im Wilden Westen der USA. "Stay With Me", bereits 1980 komponiert, ist der verzweifelte Hilferuf einer enttäuschten Liebe und "Rock'n Roll Sinner" besingt die Erfahrungen des Leadsängers einer Rock'n'Roll-Band. Authentisch natürlich!?!
Grey's ToneRocktimes: Oli mit Deiner Antwort hast Du unserer Leserschaft sehr ausführliche Eindrücke um die Songentwicklung Eurer Band gegeben. Verspürst Du, nun, nachdem "One Eyed Jack" im Handel erhältlich ist, vollste Zufriedenheit, oder würdest Du gern im Nachhinein hier oder dort gern noch ein wenig nachbessern? Und was meinst Du, in welche Stilrichtung wird sich Gery's Tone künftig entwickeln?
Oli: Vollste Zufriedenheit darf es bei Musikern gar nicht geben, denn das würde Stillstand bedeuten! Natürlich habe ich die eine oder andere Kleinigkeit zu bemängeln, aber eines möchte ich in aller Deutlichkeit sagen: Wenn man bedenkt, welche finanziellen Mittel der Band zur Verfügung standen, so ist das Endprodukt absolut Top und etwas, auf das ich richtig stolz bin. Ich bin mir sicher, dass so mancher Zuhörer den Unterschied zu einer 100.000 Euro Produktion nicht unbedingt heraushört. Da hat auch der Helmer, unser Toningenieur, großen Anteil dran. Wir haben bis auf die Soli und die Gesänge alles 'all in one' eingespielt, also live, und wer das schon mal versucht hat, der weiß, wie schwierig das ist und dass eine Band sehr gut eingespielt sein muss, um das umzusetzen. Auch zukünftig werden wir bei dem bleiben, was wir richtig gut können: den Sound und die Musik der 50er, 60er und 70er Jahre wieder auferstehen lassen. Natürlich mit unseren eigenen Songs. Ich als Songschreiber könnte gar keine andere Musik zu Papier bringen und schließlich gibt es noch über 80 fertige Songs die darauf warten, veröffentlicht zu werden.
Rocktimes: Das hört sich richtig gut an. Apropos Soli: Wer ist für die Gitarrensoli verantwortlich? Diese habe ich beim hören Eures Albums als sehr gefühlvoll empfunden. Ich fand, der Klampfer hat ziemlich genau auf den Punkt serviert.
Oli: Bei uns gibt es nicht DEN Sologitarristen bzw. DEN Rhythmusgitarristen. Klaus-Peter und ich teilen uns die Gitarrenarbeit. Das ist von Lied zu Lied unterschiedlich. Unser Spiel ähnelt sich sehr, so dass der Zuhörer nicht ohne Weiteres unterscheiden kann, wer von uns gerade das Solo spielt. Somit bilden wir eine fest verschmolzene Einheit. Bei unserem Album jedoch hat Klaus-Peter deutlich mehr Soloarbeit geleistet. Ihm gebührt das Kompliment, insbesondere bei den ruhigeren Titeln großartige Soli eingespielt zu haben. Es sind stets gerade so viele Töne, wie nötig! Das kann in der Tat nicht jeder. Ich persönlich halte sowieso nichts davon, wenn Gitarristen wie die Irren die Skalen rauf und runter hetzen. Das ist seelenloses Technikgehabe. Da sind mir drei Töne mit Gefühl und aus dem Bauch heraus zehn mal lieber. Aber vielleicht sollten wir Klaus-Peter dazu auch das Wort erteilen.
Grey's ToneKlaus-Peter: Nun ja, Oli hat uns in sein Reich der Kompositionen mitgenommen und zu dem einen oder anderen Stück seinen Ansatz, wie er sich das vorgestellt hat, erläutert. Da, wo von vornherein feste Melodien oder Sounds prägend für das Stück komponiert sind, ist das zur Leitlinie oder -melodie geworden; aber grundsätzlich hat er jedem Kollegen freien Lauf gelassen, auf seinem Instrument das einzelne Werk mit zu gestalten. So hat sich jeder auf seine Weise mit dem Liedgut auseinander gesetzt und eigene Vorschläge vorgetragen. Sie wurden verworfen, variiert oder als Alternativen in die Songs eingesetzt. Dabei stechen natürlich Solopassagen oder eingestreute Soli besonders hervor. Freie Improvisationen sind hier nicht geeignet, denn sie tragen nicht unbedingt zur Wiedererkennung der jeweiligen Werke bei. So habe ich versucht, in die Songs und mögliche Stilrichtungen sowie in die Empfindungen und Gefühle des Komponisten einzutauchen, und meine Eindrücke mit dem 'was man eben so spielerisch drauf hat' auszudrücken. Der melancholisch harmonische Part hat hierbei möglicherweise Schwerpunkte gesetzt. Das gelingt hier und da mal mehr oder weniger. Wenn im Ergebnis auch oder gerade für den Hörer ein harmonisches Ganzes zwischen Song und Soloparts erreicht worden ist, freut es mich umso mehr.
Und - interessant ist, sobald ich wiederholt in die CD hinein höre, wird die Suche nach einem anderen Solo oder anderer Ausdrucksweise zu dem einen oder anderen Stück angestoßen. Vielleicht überzeugt dann auch diese Variante alle Bandmitglieder bei der nächste Probe.
Rocktimes: Apropos alle Bandmitglieder. Klaus-Peter, sag mal, wie läuft das bei euch so zwischenmenschlich in der Band?
Klaus-Peter: Nicht allein das Musikalische zählt; es gehört gleichermaßen auch der freundschaftliche Umgang miteinander dazu. Dies war auch ausschlaggebend für die Entstehung von Grey's Tone. In irgendeiner Weise kannten wir uns untereinander zum einen als Freunde und aus ehemaligen Formationen heraus, in denen zwei oder auch mal drei Mitglieder zusammen spielten, oder von Partys, auf denen natürlich gejammt wurde und dabei die grundsätzlichen Musikrichtungen eines jeden erkennbar wurden, was dann zu häufigeren Kontakten führte. Nun sind wir 'Altersbarden' in dieser Besetzung nicht mehr so hitzköpfig und streitbar angelegt. Ein jeder bringt seine Erfahrungen aus früheren Bands mit. Das trägt somit zu einem gesunden Mix aus Musik gepaart mit Freundschaft bei. Das soll nicht unbedingt heißen, dass es mal bei dem einen oder anderen keinen Missmut gibt, denn ohne Reibungen, Diskussionen oder Auseinandersetzungen gibt es keine Weiterentwicklungen. Und so muss man auch die derzeitige Formation als Entwicklungsstufe sehen, die zudem noch Spaß macht.
Rocktimes: Günther, wie hast Du neulich Eure Release-Party erlebt? Wie kamen Eure eigenen Song bei den Fans an? Und, kann man als Tiefton-Spezi sich auch mal einige Blicke ins Publikum werfen, um zu sehen wie diese an einem Abend so drauf sind? Gibt es unter Euch alten Hasen so'n richtigen Frauenschwarm? (lache).
Günther BrandtGünther: Also für uns war es sehr aufregend, da wir zum ersten Mal vor einem unbekannten Publikum nur unsere eigenen Songs präsentiert haben. Es ist immer sehr bedeutend, wenn die Leute unbekannte Lieder hören und wie sie es aufnehmen. Deshalb waren wir, sehr zu unserer Freude, überrascht, dass unsere Songs so gut angekommen sind. Die Leute sind vom ersten Stück an mitgegangen und haben sich im Rhythmus bewegt. Nach dem Auftritt habe ich einige Leute gefragt wie sie die Songs empfunden haben und alle haben sich sehr positiv geäußert und gesagt, dass sie eine CD kaufen wollten.
Einen Schwiegersohn-Typ haben wir auch in der Band. Unser Gitarrist Klaus Peter ist so einer. Gut aussehend und immer sehr höflich, das kommt gut an.
Rocktimes: Nur noch wenige Wochen und das Jahr 2014 ist Geschichte. Wie sehen Eure Pläne fürs kommende Jahr aus?
Mike: Wir planen gerade eine kleine Tour durchs Ruhrgebiet um unsere Songs einem größeren Publikum vorzustellen und arbeiten fleißig an neuem Material. Da sind schon wieder ein paar tolle Nummern dabei und wenn die finanziellen Umstände es erlauben, werden wir 2016 das zweite Album in Angriff nehmen.
Rocktimes: Das hört sich wirklich nicht schlecht an. Falls es 2016 mit einem neuen Album klappt, würde ich mir ein farbiges Vinyl wünschen. So eine Art limitierte Auflage. Was meinst Du?
Mike: Der Oli und ich sind ja selbst begeisterte Vinyl-Anhänger und haben darüber auch schon nachgedacht und das in der Band diskutiert. Leider bekommst Du das als unbekannte Band ohne Plattenvertrag nur sehr schwer finanziell gestemmt. Wollen wir mal abwarten, wie sich "One Eyed Jack" verkauft, vielleicht sind ja für die nächste Platte ein paar Euro mehr im Topf, sodass wir unser Album dann auch auf Vinyl veröffentlichen können. Gefallen würde uns das sicher!
Rocktimes: Mike, welche Platte kannst Du mir, mal von Eurem Album abgesehen, empfehlen, bzw. sollte ich mir unbedingt zulegen?
Mike: Wenn Du sie noch nicht hast, empfehle ich dir die LP Live: The 1971 Tour von der Band Grand Funk Railroad. Eine ganz tolle Live-LP, die ihres gleichen sucht. Da steckt so viel Power drin.
Rocktimes: Danke Jungs, ich denke unsere Leser haben ein paar interessante Eindrücke von Euch gewonnen. Und wie immer bei meinen Interviews, gehört Euch das letzte Wort.
Mike: Wir bedanken uns bei allen Freunden und Unterstützern der Band, sowie bei Helmer Lennertz für den geilen Sound der Platte. Des weiteren bedanke ich mich bei meiner Oma, meiner Mama, meiner Uroma, meinem ... Quatsch!!! (lacht).
Wir wünschen euch allen einen guten Rutsch und ein erfolgreiches Jahr 2015!
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