An Rolf Möller kommt nur Stan Libuda vorbei!
Kai Havaii
Foto: ©Jess PR
Am 11. Dezember des letzen Jahres schaute ich mir Extrabreit im Berliner Wintergarten an. Da mir Kai Hawaiis Biografie Hart wie Marmelade noch in sehr guter Erinnerung war und eins der besseren Bücher ist, die ich bisher gelesen habe, kam mir während des Konzerts die Idee, ihn anschließend um einem Interview zu bitten. Klar war aber auch, dass so ein Frage-Antwortspiel nach einem Gig nicht sonderlich viel bringt, wenn der Adrenalinspiegel der Musiker eher dazu dient, sich von seinen Fans abfeiern zu lassen. So vereinbarte ich mit dem Frontmann der Breiten meinen Wunsch eines Interviews per Internet nachzukommen. An dieser Stelle möchte ich mich bei Kai für seine spontane Zusage bedanken! Es sei aber auch erwähnt, dass mir noch gefühlte 1000 Fragen einfielen, dessen Beantwortungen sicherlich ein Interview in Buchformat heraufbeschworen hätte. Letztlich habe ich mich für folgende Fragen entschieden.

Die Bilder stammen vom letzten
Motorcycle Jamboree aus Jüterborg.



Artikel vom 06.08.2013


Mike Kempf
Rocktimes: Hallo Kai, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, um unserem Magazin für ein Interview zur Verfügung zu stehen. In den letzten Jahrzehnten habe ich das ein oder andere Konzert von Euch live verfolgen dürfen. Am 11. Dezember des letzten Jahres habe ich quasi eine Premiere mit Euch gefeiert. Ihr hattet als Veranstaltungsort den Berliner Wintergarten gebucht und dadurch habe ich zum ersten Mal ein Breiten-Konzert sitzend erlebt. Ich glaube mich erinnern zu können, dass Du dem Publikum mitteiltest: »Bevor es zu spät ist«. Ist mit diesem Gig ein Traum für Euch in Erfüllung gegangen?
Kai Havaii: Nein. Es war der Wintergarten, der uns ein Angebot gemacht hat und ich denke, es war für die wohl so eine Art Testlauf, denn solche Rockkonzerte finden da ja sonst nicht statt. Wir haben gesagt: Why not? Wird sicherlich nicht wieder so schnell vorkommen. Das Konzert war speziell und etwas irreal, so mit Plüschsesseln und Gastro-Service. Stefan sprach im Anschluss mit einem Fan und meinte zu ihm »Das war nicht leicht für uns« - Antwort: »Für uns auch nicht«. Das elektronische Backdrop gefiel uns aber sehr gut.
Rocktimes:Extrabreit Lass uns mal die Zeit zurückdrehen. Kannst Du Dich noch genau an den Tag erinnern, als Du Leadsänger bei den Breiten wurdest?
Kai Havaii: Ja, es war der 29. September 1979. An diesem Tag fand ein Stadtteilfest im Szeneviertel Hagen-Wehringhausen statt. Ich hatte ein paarmal mit der Band geprobt, die Stimmung war gut, aber erst der erste Gig sollte dann Klarheit bringen. Ich war hypernervös, stand komplett neben mir und ich erinnere mich nur noch, dass es anfing und irgendwann zu Ende war. Ein kompletter Adrenalin- und Serotonin-Flash - es hatte etwas ungeheuer Aufregendes. Auf der Bühne vergeht die Zeit anders als sonst, viel schneller und gleichzeitig intensiver. Absolut suchtbildend.
Rocktimes: Ja gut, wobei Dich, soweit ich mich erinnere, doch ziemlich schnell Selbstzweifel einholten und Du alles hinschmeißen wolltest. War es nicht Stefan der Dich bewegte, die Band nicht zu verlassen?
Kai Havaii: Ja, das war in etwa so, allerdings schon fast ein Jahr später. Wir hatten gerade das erste Album aufgenommen, aber die Band zeigte Auflösungserscheinungen: Piet war weg, sein Vertreter Carlo auch wieder, Bassist Ralf und Drummer Horn auch. Meinem WG-Freund und Extrabeit-Manager Jörg war die Platte nicht heftig genug, der zog sich auch raus. Und ich war echt verstört und unsicher und habe mich wieder der Cartoon-Zeichnerei zugewandt - das war ja mein künstlerischer Ausgangspunkt. Ich war dann eine Weile weg von der Band. Gott sei Dank hat Stefan die Sache damals aber am Leben erhalten und unser Tourmanager Laui hat mich auf ein paar Gigs vertreten. Bis ich irgendwann reumütig zur Band zurückkehrte.
Rocktimes: Dass Du zur Band zurückgekehrt bist, war im Nachhinein sicherlich die richtige Entscheidung. Aber Extrabeit besteht ja nicht nur aus Dir und Stefan. Zum Beispiel schaue ich mir sehr gern Rolf Möllers Schlagsalven an seinem Kraftwerk an. Ich finde, er versprüht eine ungeheure Dynamik und hält Euch zu 100% auf Trab. Selbst wenn einer von Euch früher die Bühne verlassen wollte, an Rolf kommt keiner vorbei, oder? (lache)
Kai Havaii: Nur Stan Libuda [Anmerkung der Redaktion: Libuda ( 25. August 1996) war in den 60zigern und 70zigern Schalker und Dortmunder Dribbelkönig]. Ja, Rolf ist ein Maniac auf der Bühne, 'unstoppable'. Ein ungewöhnlicher Schlagzeuger, der unseren Sound stark prägt. Und natürlich seit über dreißig Jahren ein guter Kumpel. Wenn man sich solange kennt wie wir in der Band, hat man schon ein ganz besonderes Verhältnis. Das ist Family, wir haben ja in gewisser Weise mehr als unser halbes Leben miteinander verbracht.
Rocktimes: Und weil wir schon dabei sind, wie sind Bubi Hönig und Lars 'Larsson' Hartman charakterlich veranlagt?
Kai Havaii: Bubi ist einfach ein unheimlich liebenswerter Typ und ein Spitzen-Gitarrist. Was der live manchmal an Soli spielt, ist Weltklasse. Das fällt bei uns nur nicht so auf, weil das Kompaktpaket im Vordergrund steht. Auch Larsson muss als Baby in irgendeinen Zaubertrank gefallen sein, er ist eine musikalische Naturbegabung. Ich glaube, dem könnte man welches Instrument auch immer in die Hand drücken, in kurzer Zeit käme da was Vernünftiges raus. Und auch er ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse, immer ruhig weg. Wir sind schon ein guter 'Verein', das macht mich wirklich glücklich.
Rocktimes: Durch diese Antwort erübrigt sich meine geplante Frage über Euren Zusammenhalt. Um insgesamt einen Überblick über Euch zu gewinnen, fehlen nur noch ein paar Worte über Stefan und über Dich selbst.
Kai Havaii: Stefan ist natürlich THE MAN, mit dem alles anfängt und aufhört, er hat die Band gegründet, sie ist ganz besonders sein Baby. Er hat einfach ein untrügliches Gespür für einprägsame Riffs und gute Melodien und hat ja auch sehr wichtige Songtexte geschrieben, die die Ausstrahlung der Band stark geprägt haben, man denke nur an "Lottokönig", "Liebling" oder "Joachim". Er hat einen unglaublichen Humor, weshalb mein Zwerchfell immer gut trainiert ist. Abgesehen davon ist er aber auch ein sehr ernsthafter Mensch, mit dem man gut über das Leben im Allgemeinen und Besonderen philosophieren kann. Aber es war und ist nicht immer einfach mit uns, wir haben uns früher das Leben oft richtig schwer gemacht. Er mag das klassische Rock'n'Roll-Ding. Ich bin immer sehr für Sachen, die etwas Hypnotisches, Filmmässiges haben, auch, weil ich mich da textlich freier bewegen kann, assoziativer. Und da jeder seine Richtung mit Leidenschaft verficht, sind wir dann auch öfter mal im Clinch. Aber letzten Endes spüren wir beide, dass es auch diese Mischung ist, die die Band ausmacht. Wir sind zwei etwas ungleiche Brüder, die sich immer mal reiben, aber gleichzeitig auch sehr mögen und respektieren. Ich betrachte Stefan als meinen Freund.
Und zu mir? Was soll ich da sagen? Ich bin einfach ein ungeheuer liebenswürdiger, hochintelligenter und wahnsinnig begabter Mensch, Gottes Geschenk an die Frauen, der große Rückhalt der Männer und die Zierde des Universums! Und natürlich ein egoistisches, depressives Schwein voller Selbstzweifel, der letzte Penner, der nix gebacken kriegt und allen auf den Keks geht. Das sind so die Extreme meines Selbstgefühls. Ich habe es also auch nicht immer leicht mit mir. (grinst)
Rocktimes:Extrabreit Ach so Kai, ich verstehe, Du bist quasi der Beckham und ein Clochard in einer Person der deutschen Rockmusik (lache). Nun wartest Du sicherlich 'sehnlichst' auf eine Frage über Deine ehemaligen Drogenprobleme, die Du sicherlich schon gefühlte einhunderttausend Mal beantwortest hast. Mach ich aber nicht, denn bevor ich von Dir eine zwanghaft einstudierte Antwort erhalte, interessiert mich als waschechter Berliner mehr, wie damals die Zusammenarbeit mit Harald Juhnke ( 1. April 2005), Hildegard Knef ( 1. Februar 2002) oder mit Berlins Ex-Schlager-Queen Marianne Rosenberg zustande gekommen war. Wie muss ich mir es vorstellen? Bist Du eines morgens aufgewacht und hast gedacht: Ich rufe mal den Harald, die Hildegard oder die Marianne an?
Kai Havaii: Das mit dem Penner war natürlich im übertragenen Sinne gemeint - ich übernachte nur selten unter Brücken.
Dass unsere Duettpartner alle Berliner waren, war zwar nicht beabsichtigt, aber sicher auch kein Zufall. Die Stadt hat ja wirklich ein paar wahrhaft interessante Leute hervorgebracht. Und ja, eigentlich haben sich diese Konstellationen sehr spontan ergeben. Erst als es die Songs gab, wurde uns klar, dass sie vielleicht gut geeignet wären für so ein Crossover - abgesehen von "Nichts ist für immer" mit Harald, das habe ich schon so konzipiert. Bei "Duo Infernal" habe ich Marianne damals in der Tat einfach angerufen, das war sehr unkompliziert, sie war gleich Feuer und Flamme. Bei Hilde war das etwas verschlungener. Wir hatten ihren Rote-Rosen-Song gecovert und eigentlich nie an ein Duett mit ihr gedacht, aber wir wollten mal ein Statement von ihr, auch gerne ihren Segen. Es hat eine Weile gedauert, bis wir sie in München ausfindig gemacht haben, sie war zu der Zeit ganz in der Versenkung verschwunden. Als sie dann schließlich das Tape hatte, kam die Rückmeldung: »Da will ich unbedingt dabei sein!«.
Rocktimes: An den Song "Duo Infernal" glaube ich mich erinnern zu können, dass Du Dich an Mariannes Lederjacke festgekrallt und sie Dir quasi kussgerecht rangezogen hattest und als ich später von der Zusammenarbeit mit Juhnke erfuhr, war mein erster Gedanke der, dass auch in Dir ein Teil 'Juhnke' steckt. Übrigens habe ich vor kurzem Eberhard Weißbarth kennengelernt, den Filmemacher, der Knefs Biografie für die ARD in bewegten Bildern dokumentierte. Kennst Du ihn?
Kai Havaii: Nein. Aber es gibt ja verschiedene Doku-Features über sie - u. a. den Film "A Woman And A Half", der mir gut gefiel.
Rocktimes: Einen Song mit Johannes Heesters aufzunehmen habt Ihr leider verpasst. Gibt es noch einen Künstler der Gegenwart, mit dem Du Dir eine Produktion vorstellen kannst? Vielleicht Heino? Immerhin hat er neulich 'ne Platte veröffentlicht, auf der er Stücke von Kapellen wie Die Ärzte oder Rammstein covert. Hättest Du ihm das zugetraut?
Kai Havaii: Jopi Heesters ist nie so mein Fall gewesen und Heino...
Dass der jetzt Rammstein und Die Ärzte singt, überrascht mich nicht wirklich. Das ist halt so ein eiskalt kalkulierter Marketing-Plot. Mit Lockerheit und Humor hat das jedenfalls eher nichts zu tun. Ich erinnere mich nämlich noch gut, wie er damals meinen alten Berliner Kumpel Norbert Hähnel durch alle Instanzen verklagt hat, weil der als Support der Toten Hosen mit Blondhaar-Perücke und Sonnenbrille als 'der wahre Heino' aufgetreten ist. Soviel zu Heino als 'Punk' und 'Rocker'.
Rocktimes: Ah ja, an den 'wahren Heino' kann ich mich noch gut erinnern und fand ihn sehr amüsant. Nachdem Ihr zahlreiche Platten aufgenommen hattet, etliche Konzerte gegeben und Euer Bekanntheitsgrad, mal abgesehen von einer zwischenzeitlichen Flaute, als die NDW genauso schnell verschwand wie sie gekommen war, ständig nach oben schnellte, muss Dir irgendwann der Gedanke gekommen sein, alles zu Papier, sprich in einer Biografie, festzuhalten. Wie lange hast Du an dem Buch "Hart wie Marmelade" geschrieben und wer hat Dir dabei am meisten geholfen?
Kai Havaii: Geschrieben habe ich daran ungefähr ein Jahr - mit kleinen Unterbrechungen. Und geholfen in dem Sinne hat mir dabei keiner - abgesehen allerdings von meiner privaten Lektorin, meiner Freundin Maren, und Franziska Günther vom Aufbau-Verlag. Zu Beginn des Schreibprozesses war der Flow noch etwas hektisch und die beiden Damen haben mich dann auch mal auf den 'Topf' gesetzt. Das war in der Tat sehr hilfreich, so habe ich dann einen guten Rhythmus gefunden.
Rocktimes: Ich habe "Hart wie Marmelade" in Rekordzeit verschlungen und habe neben einigen ernsthaften Passagen, sehr viel lachen müssen. Zum Teil bekam ich regelrecht Lachanfälle. Wenn ich nur an die Geschichte denke, als Du bei einer TV-Preisverleihung die Namen der anwesenden Gäste komplett durcheinander brachtest. Wie hast Du Dich damals, einen Tag später, gefühlt? Kannst Du heute, so wie vermutlich die meisten Leser des Romans, auch darüber lachen?
Kai Havaii: Auf jeden Fall. Damals war das Amüsement zunächst noch etwas gedämpft. Es machte Mühe, anhand von Zeugenaussagen die Bruchstücke des Abends zusammenzusetzen. Auch unser damaliger Manager Conny Konzack war alles andere als belustigt. Er hatte das mit meiner Laudatio eingefädelt. Meine Kollegen erzählten mir später, sie hätten beobachtet, wie während meiner Ansprache seine Seele seinen Körper verließ.
Rocktimes: ExtrabreitDas kann ich mir gut vorstellen (lache). Wenn Du Eure Songentwicklung bewerten würdest, hat sich im Laufe der Zeit diesbezüglich Grundlegendes geändert? Ich meine, zwischen "Hurra, hurra, die Schule brennt" und "Andreas Baaders Sonnenbrille" schon einen Reifeprozess entdeckt zu haben. Und ganz ehrlich, als ich 'Badders Sonnenbrille' zum ersten Mal hörte, ja, da kam in mir kurz der Gedanke auf, ich wäre auch gern mal der 'Staatsfeind Nummer eins'. Und es kommt heute noch ab und an mal wieder vor, vor allem dann, wenn ich mich von der Politik oder diversen Bänkern verarscht fühle, bzw. diese sich in unverschämter Weise die Taschen vollstopfen.
Kai Havaii: Ja, das geht wohl vielen so. Man möchte eben manchmal am Liebsten 'eine Bombe rein schmeißen', wie es so schön heißt. Und eine Figur wie Baader hat deshalb bis heute in ihrer Kompromisslosigkeit eine gewisse Faszination. Ich denke aber, dass das Politische bei ihm eher zufällig dazu kam. Baader war halt ein Outlaw von Natur aus und hätte wohl auch als 'normaler' Gangster Karriere gemacht. Er war gewiss ein Arschloch, aber er verströmte auch eine Menge Charisma, das bis heute nachwirkt. Man muss aber sehen, dass "Andreas Baaders Sonnenbrille" gerade diese 'Ach könnte ich doch auch mal-Anarcho-Romantik' auf die Schippe nimmt.
Rocktimes: Musiker, Buchautor, fehlt eigentlich nur noch eine Filmrolle. Kai Havaii jagt als Tatort-Kommissar die Bösewichte. Oder ist vielleicht gar eine Verfilmung der Breiten-Ära geplant?
Kai Havaii: Nee, als Schauspieler würde ich mich definitiv nicht versuchen. Und was die Verfilmung meines Buchs betrifft: Ja, es gab da schon durchaus ernsthaftes Interesse. Mal sehen, was draus wird.
Rocktimes: Ich hoffe für alle Breiten-Fans, dass irgendwann Deine Biografie über die Kinoleinwände flimmert. Du bist bereits ein paar Jahrzehnte im Musikbusiness tätig. Wie würdest Du die Entwicklung von den Siebzigern bis heute bewerten. Hat man früher mehr am Verkauf von Vinyls verdient? Ich meine, damals musste man sein ganzes Taschengeld zusammenkratzen, um sich mal ein Scheibchen zuzulegen. Heute wird kopiert was das Zeug hält und dann noch die Download-Möglichkeiten... Wie haben sich im Laufe der Zeit die Gagen bei Live-Auftritten entwickelt? Könnt Ihr als Band gut von Eurer Musik leben?
Kai Havaii: 'Gut leben' wäre übertrieben. Tatsache ist, dass die meisten von uns auch noch andere Einnahmequellen haben. Gerade in dem mittleren Segment, in dem wir uns bewegen, spürt man den Verfall des Tonträger-Markts besonders. Aber »The times they are a-changing« wusste ja schon Bob Dylan, man muss damit leben und das Beste draus machen. Wirklich Geld verdienen tun wir eigentlich nur noch live.
Rocktimes: Also besitzt Ihr nicht die Gene eines Uli Hoeneß, der bislang als Deutschlands 'Saubermann' in Sachen Fußball galt und vor kurzem mal 'locker' einen Millionenbetrag ans Finanzamt zahlte, um sich vorerst weiterhin auf freiem Fuß zu bewegen. Ich will nicht allzu politisch werden, aber wie siehst Du diese Entwicklung? Auch, dass ein 20-jähriger Dortmunder für 37 Mios zu den Bayern wechselt?
Kai Havaii: Ich liebe Fußball und es ist auch klar, dass er inzwischen eine riesige kommerzielle Entertainment-Show geworden ist, aber ich denke auch, dass die Geldschraube sich viel zu weit nach oben gedreht hat. Das ist einfach komplett ungesund - Verträge, die nichts mehr wert sind, Scheichs und DAX-Konzerne, die sich einen Spitzenclub halten, eine komplett korrupte FIFA, Spielmanipulationen - das ist alles zum Kotzen. Und von Götze bin ich ebenso enttäuscht wie sein BVB-Kollege Mats Hummels. Er hatte schließlich mit der Mannschaft ein gutes Ding am Laufen. Es kann für einen 20-jährigen Profi doch noch nicht ausschlaggebend sein, ob er im Jahr fünf oder acht Mios verdient. Denke, der Wechsel kommt zwei Jahre zu früh.
Rocktimes: Welche Musik/Band hörst Du, neben der eigenen, gerne?
Kai Havaii: Ah, das ist ganz unterschiedlich. Im Frühjahr hatte ich so eine bluesige Phase, habe viel Neil Young, Johnny Cash und auch Dylan gehört. Dann hat mir ein Freund ein paar Alben überspielt, bei denen sich zufällig viel harter Stoff aus den Neunzigern befand. Da habe ich mir dann im Urlaub in Italien öfter mal Body Count und auch Helmet gegeben, eine ganz großartige Band. Und dann gibt es wieder Zeiten, in denen elektronische Musik am besten zu meiner Stimmung passt - von Nightmares On Wax bis Massive Attack.
Rocktimes: Zurück zu Euch. Zwar ist es auch eine Frage, die Du häufig gestellt bekommst, doch unsere Leserschaft wird es sicherlich schon interessieren, was als nächstes im Hause der Breiten ansteht.
Kai Havaii: Wir werden im Juli ein Live-Konzert filmen - in ganz kleinem Rahmen mit ein paar handverlesenen Fans. Das soll dann in einem neuen Bildformat erscheinen. Bin selbst gespannt. Den Rest des Jahres spielen wir viel live - so um die zwanzig Gigs - und zwischendurch gibt's auch ein paar Konzertlesungen, wo ich aus meinem Buch lese und mit Stefan ein paar Extrabreiten-Songs unplugged zum Besten gebe.
Rocktimes: Noch ein Wort zum Netzwerk Facebook: gut oder nicht gut?
Kai Havaii: Na ja, ich bin selbst dabei, wenn auch nicht immer besonders aktiv. Es ist etwas ambivalent: Facebook bietet schon ungeahnte Möglichkeiten schneller Kommunikation. Mir sind dort auch schon Leute begegnet, zu denen der Kontakt völlig abgerissen war. Alles positiv. Auf der anderen Seite muss man sich darüber klar sein, dass man sich bei Facebook eben in eine nie genau definierte Öffentlichkeit begibt und dass die Kommunikation dort einen auch zum gläsernen Menschen macht - allerdings ist das bei der gesamten Internet-Kommunikation so.
Es ist schon unheimlich, wenn einen staatliche Organe bei Bedarf in seinen gesamten Lebensäußerungen erfassen können - bis in die privatesten Bereiche: Sexualität, Gesundheit, finanzielle Situation und politisch-kulturelle Vorlieben. Ich habe das Thema vor ein paar Jahren in unserem Song "Die Multis & der Staat" aufgegriffen, wo die Zeile vorkommt: "Wo immer ich auch hinkomm, ist der Staat schon da..." Man kann sagen, dass die digitale Revolution tatsächlich den 'totalen Staat' - ich meine damit nicht automatisch totalitär - ermöglicht hat. Noch nie in der Geschichte wusste der Staat potenziell so viel über jeden seiner Bürger - nämlich alles.
Rocktimes: Apropos Facebook, da ist mir eine Person besonders aufgefallen: Der 'Onk'. Er scheint quasi Euer Edelfan zu sein. Zumindest kennt er sich in Sachen Extrabreit besonders gut aus.
Kai Havaii: Na klar, der Onk ist unser geschätzter Freund Martin Müller aus Dortmund. Ein guter Typ, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und ein unheimlich rühriger Fan ist, der im Internet viel Betrieb macht. Natürlich ist er bei vielen Konzerten dabei und er besucht uns öfters Backstage, wo wir dann ein Bierchen zischen. Wir sind uns auch schon zufällig im BVB-Stadion begegnet - wir sind beide schwarz-gelb bis in die Knochen. Auch das verbindet.
Rocktimes: Vielen Dank Kai, es hat mir viel Spaß gemacht, Dich mal in die Mangel nehmen zu dürfen und so wie ich es bei meinen Interviews immer halte, hat der Befragte das letzte Wort.
Kai Havaii: Ich danke Dir! Breite Grüße an alle RockTimes-Leser: Häng taff und schaut mal wieder vorbei.
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