Das 21. TFF vom 30.06. - 03.07.2011
Rudolstadt/Thüringen
Plakat Rudolstadt still rules
Das 21. TFF vom 30.06. - 03.07.2011
Rudolstadt/Thüringen
Festivalbericht
Stil: World Music, Folk, Roots Music


Artikel vom 09.07.2011


Norbert Neugebauer
Donnerstag - Voodoozauber im Heinepark
Der legendäre Dr. John beim tff in Rudolstadt. Wenn das kein Headliner ist!
Dr. JohnErstmals in der mittlerweile 21-jährigen Geschichte des tff begann das Festival am Donnerstag nicht mit einem Sonderkonzert auf der Heidecksburg, sondern als neuem regulären Eröffnungstag im Heinepark. Und Opener war dann gleich der Voodoo-Doktor aus New Orleans, mehrfacher Grammy-Gewinner sowie Stuhlinhaber div. 'Hall of Fames'. Rudolstadt bildete den Auftakt seiner aktuellen Europatour, die ihn kreuz und quer, aber auch wieder nach Montreux führt. Dem Vernehmen nach soll der Siebzigjährige bereits Mitte der Woche angereist sein, vielleicht auch um den Jetlag rechtzeitig auszukurieren.
Dr. JohnNach der billigen Anmache des Bühnenmoderators (»das 'Jazzfest' hat weit weniger Flair als das tff«) und den ersten Takten der Lower 911-Band stolzierte Mac mit Fetisch-Gehstock im lila Anzug zu seinem Platz an Orgel und Klavier.
Man muss sicher mehr Gemeinsamkeiten suchen, als Unterschiede, zwischen den beiden großen Festivals. Mit der Schwüle des heimatlichen 'Nawlins' hatte der ältere Herr im Heinepark jedenfalls nicht zu kämpfen, tagsüber waren ein paar Schauer runter gekommen und bei 14 Grad um 21 Uhr schwitzte niemand.Dr. JohnVielleicht hätten ein paar mehr für die richtige Betriebstemperatur gut getan. Klar, nach über 50 Jahren auf der Bühne hat der 'Nighttripper' jede Menge Routine, um immer eine ordentliche Performance abzuliefern, aber so richtig sprang der Funke nicht gleich über. Ein paar staksige, zombiemäßige Bewegungen zwischen den Strophen wurden vom Publikum freudig honoriert. Unverkennbar und einmalig diese knarzige Stimme, die auch bis in die hintersten Winkel des weitläufigen Terrains drang. Neben den Songs aus dem letzten Album "Tribal" gab es einige Klassiker, u.a. Leadbellys "Good Night Irene", nach anderthalb Stunden nicht unbedingt sehr aufregenden Stunden war Schluss. Dem Publikum vor der Bühne hat's jedoch offensichtlich recht gefallen. Nach stürmischem Applaus gab die Band schnell mit "What A Night" eine ausgiebige Zugabe und verabschiedete sich dann.
Ordentlicher Gig, aber kein Vergleich mit der Stimmung beim 'Jazzfest'!
Soviele Fans, wie vor der Bühne zuhörten, waren sicher auch im Park bummelnd unterwegs, darunter reichlich heimisches Volk - Tendenz: mehr Party als Musikgenuss. Was nach Dr. John abging (dann waren die Konzertbühne und das Tanzzelt ebenfalls schon im Betrieb), entzog sich uns, da noch gut anderthalb Stunden Heimfahrt, samt verkehrstechnischer Irreführung in Saalfeld und ein Arbeitstag vor uns lagen.
Auf dem Weg hinaus hörten wir den Konzertbeginn von Madison Violet , die Kollege Daniel in sein staubiges Country-Herz gemeißelt hat. Von Ferne klang das recht nach Träller-Folk-Pop, was jedoch nur eine unkritisch gemeinte Anmerkung sein soll.
Samstag - Neue Musik in der alten Stadt
MarktplatzNach dem noch relativ kurzen Aufgalopp am Donnerstagabend war am Samstag volles Programm für uns angesagt. Leider herrschte mal wieder traditionelles 'tff-Wetter', sprich kühl und zunehmend nass. Waren es am Anfang nur einige mehr oder minder harmlose Nieselschwaden und dazwischen wieder hell, regnete es sich gegen Abend richtig ein. Übrigens gab es - entgegen der eigens herausgegebenen tff-Pressemeldung - durchaus noch Tageskarten, nur die Dauerkarten waren ausverkauft. Und entsprechend voll war es an allen Bühnen, dazwischen die Ströme der 'Wechselfans'.
DakhaBrakhaWie immer hatten wir uns grob einen Zeitplan aus dem umfangreichen Programmheft zurechtgelegt, wo wir wann sein wollten. Mittlerweile über dreißig Bühnen und dazu weitere Spots mit Straßenmusik (insgesamt ca. 140 Einzelkünstler oder Gruppen, meist mit mehreren Auftritten) - da fällt die Auswahl immer schwer. Allerdings gab es diesmal für uns keine weiteren 'Headliner' mehr, die 'Pflichtprogramm' gewesen wären. Bis auf ein paar RockTimes-einschlägige Schweizer Bands ('Länderschwerpunkt') kaum bekannte Namen, was die Entdeckungsreise eher noch reizvoller machte. Unsere Tour begann auf Schloss Heidecksburg mit dem schrägen ukrainischen Trio DakhaBrakha, ein Kunstprojekt, das heimische Volksweisen mit jeder Menge anderer Sounds akustisch und optisch eindrucksvoll-amüsant verknüpft. Runter ging's zur Marktplatzbühne, dem musikalischen Dreh- und Angelpunkt in der Innenstadt. Die Crooked Fiddle Band aus Australien war gleich der nächste Treffer, ein Quartett, das die musikalischen Einflüsse der unterschiedlichsten Einwanderergruppen mit klassischen und punk-rockigen Stilmitteln verbindet - eine Mischung, die live bestens abging und den rappelvollen Platz zum Tanzen brachte.
Crooked Fiddle Band      DakhaBrakha      Crooked Fiddle Band
Acoustic Guitar KollektivGetrennte Wege dann, ich drehte eine Runde in der Altstadt, Michael schaute sich nochmal auf dem Schlossgelände um. Der als neuer britischer Folk-Star angekündigte Martin Simpson konnte meinen Begleiter weniger überzeugen. Ich kam am Günthersbrunnen vorbei, so gegen 19 Uhr, wo sich noch im Trockenen eine ganze Menge Leute um drei Gitarristen und einen Perkussionisten scharten. Deren Spiel erinnerte mich sofort an die sagenhafte "Saturday Night in San Francisco" - ich behaupte, die drei Polen vom Acoustic Guitar Kollektiv stehen in ihrem Können den drei Superstars dieses Albums in nichts nach - nur dass hier der vierte Mann noch für eine ernorme Bereicherung sorgte.
RosterVorbei an diversen anderen Straßenmusikern und durch die üblichen Instrumenten-, Fress-, Kunsthandwerks- und Ramschbuden machte ich Pause im Handwerkerhof bei einem 'Roster' (Thüringer Rostbratwurst) und einem 'Schwarzen' (Bier), wo passend die rheinische Gruppe Gambrinus eine halbe Stunde lang versuchte, ihre zahlreichen akustischen Instrumente zu stimmen.
Gambrinus Dann rüber in den Heinepark, vorbei am Güntherbrunnen, wo noch immer die Polen die inzwischen nassen Zuhörer begeisterten. Im Tanzzelt machten die vier (plus Choreografin) Mittelfranken von Dittls Traum den Tanzwütigen ordentlich Beine. Nach Startschwierigkeiten ging der Set der Isländer Hjaltalín auf der Konzertbühne richtig voll ab. Dittls TraumDie Mischung aus Extravaganz und Melodramatik kam vor allem bei den jüngeren tff-Fans gut an - die Band hat das gewisse Extra, was nicht nur beim dunklen Volk einschlagen könnte. Zurück in der Altstadt hatten Strom und Wasser ebenfalls reichlich Zuhörer, einschließlich einiger Nachwuchs-Punks, an der Bühne am Theater versammelt. Deren Sänger und Bassist Heinz Ratz ist ein sozial engagierter Liedermacher, der sich vor allem für die Asylsuchenden in Deutschland einsetzt. Derzeit arbeitet er an einem CD-Projekt mit Musikern aus diesem Kreis. Und wer spielte immer noch am Günthersbrunnen vor einer triefenden Schar - richtig: das Acoustic Guitar Kollektiv
!
Hjaltalín      Dittls Traum      Hjaltalín
Strom und Wasser      Nachwuchs      Strom und Wasser
Kummerbuben23:00 Uhr - letzte Station Marktplatzbühne. Die Kummerbuben aus der Schweiz rockten Rudolstadts klatschnasse Mitte. Was mich (im Gegensatz zu Christoph) auf Platte nicht so recht begeistern konnte, ging live voll ab - die urige Mischung aus Volksgut und kernigem Rock, mit verschiedensprachigen Texten, brachte auch die Leute noch mal auf die Beine. So ein Publikum gibt es in der erzkonservativen Schweiz nicht, verkündete Sänger Simon Jäggli, da werden solche Freaks wie sie immer noch schräg angesehen. Während ich mich dann beim Cappuccino unterm schützenden Cafédach aufwärmte, nahm Michael den Weg zum Auto noch mal durch den Park, vorbei am Güntherbrunnen - und den Polen im Dauerregen, still playing Auf der Konzertbühne setzten Euzen aus Dänemark/Norwegen den nordisch-expressionistischen Mix fort.
Kummerbuben      Gee Gee Kettel      Kummerbuben
SchlagseiteWer behauptet, es gäbe nach der ganzen World- und Ethno- Crossoverschwemme nichts Neues in der Folk- und Rootsmusik mehr, der war garantiert nicht unter den lt. Pressemitteilung 90.000 (allein am Samstag über 22.000!) beim tff 2011 in Rudolstadt. Auch in der 21. Auflage wieder ein Füllhorn frischer, aufregender Musik aus aller Welt!
Wer nachhören will (unter anderem die Konzerte von der Crooked Fiddle Band und von den Kummerbuben), kann das bis auf Weiteres auf dem Webchannel von MDR-Figaro. Wie immer erscheint auch ein Zusammenschnitt auf CD um die Weihnachtszeit.
Fan      Trommlerin      Security
Bühne      Helvetic Fiddlers      Bühne
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