Hurricane Festival 2006
Scheeßel 2006 - Im Auge des Hurricane
oder vom Untergang der alten Dame Rock 'n' Roll
Molly Hatchet brachten in grauer Vorzeit mal ein Album namens "Flirtin' With Disaster" raus (1979). Ein Kollege der schreibenden Zunft, schätzungsweise Mitte Vierzig und damit ein paar Jährchen älter als ich, schrieb anlässlich einer Besprechung zu dieser Platte in seiner Einleitung:
Hurricane Festival »1979 war ein gutes Jahr. Ich war mit der Schule fertig (die mit mir auch), es gab einen Rockpalast mit der J. Geils Band (die mich aus dem Sessel gezogen haben mit ihrem Rhythm & Blues) und Johnny Winter (der mich mit seinem Bluesrock wieder tief in den Sessel gedrückt hat, vor Staunen), AC/DC kamen mit "Highway To Hell" heraus, ich konnte sie im Circus Krone auch live sehen, ZZ Top haben ihre letzte gute Platte, "Deguello", veröffentlicht und Whitesnake waren mit "Love Hunter" auf dem Höhepunkt.
Und Molly Hatchet brachten ihre zweite Platte, eben "Flirtin' With Disaster", auf den Markt.«
(Fred Schmidtlein, Home Of Rock).
Ich für meine Person möchte noch hinzufügen, dass in diesem Jahr u.a. Abba mit "Voulez-Vous", Boney M. mit "Oceans Of Fantasy" und vor allem der 1978 herausgekommene Soundtrack "Grease" gewaltig abräumten und ich diesen genannten Klängen absolut zugetan war.

Was sagt uns das?
Hurricane FestivalDer RockTimes-Redakteur hat eine hochgradig fragwürdige musiksozialisatorische Vergangenheit und die Helden des Herrn Schmidtlein hatten damals keinerlei kommerzielle Relevanz. Offenbar ein musikalisches Gütesiegel und damit haben sich die Zeiten seit 1979 erstaunlich wenig geändert.
Das bringt mich nun zu einer Abwandlung des eingangs erwähnten Titels von Molly Hatchet, der nunmehr "Hurricane With Desaster" lautet und vom diesjährigen Hurricane-Festival auf dem Eichenring in Scheeßel handelt.
Scheeßel ist ein verschlafenes 13.000-Einwohnernest (die gesamte Gemeinde) irgendwo zwischen Bremen und Hamburg (Landkreis Rotenburg-Wümme) und nunmehr bereits seit 10 Jahren Schauplatz eines der mittlerweile größten Rockmusik-Festivals Deutschlands und hat inzwischen auch sein zeitgleich im Süden der Republik stattfindendes Pendant namens Southside-Festival.
Das erinnert natürlich an die Erfolgskombi Rock am Ring / Rock im Park, ist aber letztlich doch knapp um die Hälfte kleiner und hat sich eher das Prädikat 'Alternative-Rock-Festival' auf die Fahnen geschrieben, während bei der Sause in der Eifel / in Nürnberg dieses Jahr beispielsweise Mainstreambrecher wie Depeche Mode und Metallica einheizten. Ansonsten sind für mich derzeit allerdings keine großen Unterschiede im musikalischen Angebot erkennbar.
Hurricane Festival Einen Teil desselben hatte bereits unser geschätzter junger Kollege János Wolfart in seinem köstlichen Zwischenruf Newcomer TV-Alternative Hüte - Aus der Schlaflosigkeit in die Sprachlosigkeit kritisch beleuchtet, der andere Teil unterscheidet sich höchstens derart, dass auch viele Pop- und Ska/Reggae/Raga/Gaga- angehauchte Acts auf dem diesjährigen Billing stehen und ansonsten einige der teilnehmenden Bands dem Newcomerstatus längst entwachsen sind.
Was zählt ist hüpfen!
Quasi die germanische Variante des australischen Kängurus.
Und natürlich das Festival-Feeling als ultimatives pubertäres und postpubertäres Saufgelage im dreckigen Staub abgeholzter Stoppelfelder, inklusive richtiggehender Gewaltmärsche mit Sturmgepäck von fernab gelegenen Autoparkplätzen auf das Revier gemeinschaftlicher Campingglückseligkeit mit Einweggrill und Bierschubkarre. Da bleibt kein Auge, Pardon, keine Kehle trocken und brennt die Sonne noch so heiß auf die verschwitzten und völlig verdreckten Körper der Bespaßungsgesellschaft hernieder.
Gehüpft wird immer, ob vor einer der drei Bühnen des Konzertgeländes, auf dem weitläufigen Areal der norddeutschen (Camping) Prärie oder vor einer Videoleinwand für Fußball-WM-Übertragungen, ob ein Ben Harper nun Folk-Rock-Blues zum Besten gibt oder die jungen deutschen Elitekicker zwanzig Minuten lang die routinierten Schweden an die Wand spielen, alles egal, Hauptsache hüpfen!
Dabei ist dieses Jahr erstmals das Stagediving und Crowdsurfing aus Sicherheitsgründen verboten, genauso wie die Veranstalter 10.000 Tickets weniger als letztes Jahr auf den Markt gebracht hatten. Trotzdem sind die Infrastrukturkapazitäten weitgehend überlastet, aber alles andere wäre auch mehr als spießig. Wer will sich schon auf einem richtigen 'Alternative-Rock-Festival' waschen?
Und das stinkende, komplett Ekel erregende Dixi-Klo gehört genau so dazu wie die verkohlte, verstaubte Wurst auf dem Grillrost.
Hurricane FestivalUnd was tut sich nun musikalisch in der Kultur der weit unter Vierzigjährigen?
Nix, wunderbar vergleichbar mit den spielkulturellen Ergüssen der gerade zu Ende gegangenen Fifa (Beckenbauer)-WM im eigenen Land:
Viel Defensive, viel Einsatz, wenig Ertrag, kein Rock 'n' Roll.
Selbst die hoch gelobten (wohl besser gehypten) The Strokes wissen sich nur mit dem Zerdeppern einer Filmkamera eines Musiksenders (hä, eigentlich eher Klingeltonsender) zu helfen und verbreiten ansonsten, zumindest bei mir, gepflegte Langeweile. Selbige zieht sich durch das gesamte Musikangebot dieses Festivals, dem es einfach an allen Ecken und Kanten an Groove fehlt. Und damit meine ich jetzt nicht die Töne, die wie ein pawlowscher Reflex die Massen in Wallung halten, sondern den echten, richtigen, wahren musikalischen Groove, der einen mitten ins Epi-Zentrum trifft, also voll in die Magengrube und ins zentrale Nervensystem geht.
Hurricane FestivalSo kann es nicht verwundern, dass der Höhepunkt dieses Festivals ganz am Ende zuschlägt, mitten rein in die Performance einer Combo namens Within Temptation und kurz vor dem Auftritt des absoluten Sonntag-Headliners Muse.
Ich denke, wir können hier ruhig von einer apokalyptischen Vorhersehung oder einem Zeichen höherer Mächte sprechen, jedenfalls hatte der Wettergott endgültig genug von diesen enervierenden Klängen und schlägt um 21.45 Uhr erbarmungslos zu. Ich wende gerade wiederholt meine Hähnchenspieße auf dem Grill, von Within Temptation geradezu in die Flucht geschlagen, da rummst es gewaltig über dem Dach unseres Pavillons und die sprichwörtliche Sintflut setzt ein, begleitet von Sturmböen bis Windstärke 11! Ich gebe zwar meine Spieße so schnell nicht auf, und unsere zielgruppeninkompatible Gemeinschaft versucht tapfer den Pavillon zu retten, aber dessen Stangen knicken bald ein wie Streichhölzer, so dass wir uns nur noch mutig in die Zelte werfen können, um diese vor dem Abflug zu bewahren. Das gelingt auch vorzüglich, aber leider können wir unser Zelt nur noch in einen Swimming-Pool umfunktionieren, denn das Wasser steht darin zentimeterhoch und unsere Sachen schwimmen wie die Quietsche-Entchen durch die Gegend. Selbstredend ist draußen auch der Grill aus, die Kohlenwanne schwimmt ebenfalls und meine Spieße sind im Eimer.
Hurricane FestivalAber nicht nur die sind im Eimer. Sturm, Blitz und Donner sowie heftiger Regen hören scheinbar gar nicht auf, es kracht nur so aus allen Richtungen und ich habe leise Jim Morrisons "This Is The End" auf den Lippen. Die Prärie steht teilweise kniehoch unter Wasser, die Parkplätze saufen ab und wir schieben geläutert die Schubkarre voll nasser Klamotten durch das sumpfige Inferno.
Am nächsten Tag, nach unserer Flucht in die trockenen Gefilde Bremens, bei der Rückkehr an den Ort des Schreckens, um alle Restgegenstände zusammenzusammeln, ist das ganze Ausmaß der Verwüstung eindrucksvoll zu bestaunen. Die hüpfenden Horden hüpfen nicht mehr, sondern ziehen durchnässt und etwas kleinlaut von dannen, sämtliche Trecker der Umgebung ziehen feststeckende Fahrzeuge aus dem Sumpf und die Stoppel-Prärie gleicht einer ultimativen Müllkippe.
Im Radio ist vom ersten Abbruch in der Geschichte des Festivals die Rede, Muse konnten nicht mehr auftreten, da Einsturz- und Umkippgefahr gewisser Bühnenteile bestand und darüber hinaus wurde das Zelt mit der dritten Bühne als Notunterkunft gebraucht.
Hurricane FestivalNachdem ich tags zuvor während einer Werbeeinblendung vor dem Konzert der amerikanischen Punkrocker Lagwagon erstmals Töne von Muse vernommen hatte, wundert mich in diesem Augenblick gar nichts mehr:
Der Untergang des Rock 'n' Rolls im Auge des Hurricanes - Flirtin' With Desaster
Line-Up:
Adam Green Apocalyptica Archive Arctic Monkeys Backyard Babies Ben Harper & the Innocent Criminals Billy Talent Blackmail Boozed Collective Soul Death Cab For Cutie dEUS Donavon Frankenreiter Duels Eagles of Death Metal Elbow Element of Crime Everlaunch Fettes Brot Gnarls Barkley Gods Of Blitz Gogol Bordello Hard-Fi Karamelo Santo Klee Lagwagon Live Mad Caddies Mando Diao Manu Chao Radio Bemba Sound System Maximo Park Muse Nada Surf Ohrbooten Pale Panteón Rococó Pete Blume Photonensurfer Pretty Girls Make Graves Scissors For Lefty Seeed Serena Maneesh She-Male Trouble Shout Out Louds Sigur Rós Skin Smoke Blow The Answer The Brian Jonestown Massacre The Cardigans The Cooper Temple Clause The Feeling The Gossip The Hives The Kooks The Raconteurs The Sounds The Strokes The Weepies Tomte Two Gallants Voltaire Wir Sind Helden Within Temptation Wolfmother Zebrahead
Leider ging bei dem Unwetter Ollis Cam und damit auch seine Fotos über den Jordan. Aus diesem Grund bedanken wir uns ganz herzlich bei Olaf Precht und Arne Hollmann von Row People für die uns zur Verfügung gestellten Fotos.
Bilder 3 und 9: Arne Hollmann. Alle anderen: Olaf Precht.
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Hurricane Festival 2006
Olaf Oetken, 14.07.2006
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