Roger Chapman & The Shortlist
22. Mai 2009, Pumpwerk Wilhelmshaven
Pumpwerk Roger Chapman & The Shortlist
Pumpwerk Wilhelmshaven
22. Mai 2009
Konzertbericht
Stil: Rock


Artikel vom 27.05.2009


Wolfgang Giese
Nach so vielen Jahren, es müssen wohl annähernd 30 sein, hatte ich die Gelegenheit, Roger Chapman einmal wieder live zu erleben.
Roger Chapman, das ist für mich Family, das sind die Streetwalkers, das ist die Gruppe Shortlist, nach einem Song von Mickey Jupp benannt.
Relativ hohe Erwartungshaltungen, wenn man sich an ein gutes damaliges Konzert erinnert. Doch erstens waren das teilweise andere Musiker, und zweitens geht Mr.Chapman schließlich schon auf die 70 zu.
Meine Erwartungshaltung war insofern etwas eingeschränkt. Nur die Tatsache der vermuteten Anwesenheit des Gitarristen Geoff Whitehorn, der, für mich natürlich interessant, Anfang der 70er für die britische Jazz Rock-Band If aktiv, und mir als Jazz-/Jazz Rock-Fan natürlich als guter Musiker bekannt war. Fein - er war dann auch dabei!
Nicht so fein, und das gleich vorweg, der 'gute Roger' ließ ihn immer nur ganz kurze Soli zum Besten geben, und diese gingen in der teilweise nicht sehr guten Soundmischung dann auch noch unter!
Ansonsten, aus den alten Zeiten konnte man noch Steve Simpson an Gitarre und Violine erleben. Leider setzte er seine türkisblaue Violine aber nur einmal ein, und die vor dem Konzert wohl nur vorsichtshalber gestimmte Mandoline kam überhaupt nicht zum Einsatz.
Helen Hardy an den Background Vocals war einst auch mit dabei, neu waren der Bassist Gary Twigg und der Schlagzeuger John Lingwood.
Die Titelauswahl war gemischt: Die Band startete mit neuen Sachen wie "Oh Brother, Take Me!" und nach und nach kamen dann 'die alten Schlachtrösser', wie "Who Pulled The Night Down", "He Was, She Was", "Unknown Soldier", "Shortlist" von Mickey Jupp und "Let's Spend The Night Together" von den Rolling Stones oder Oldfields 'unvermeidliches' "Shadow On The Wall". Mitten innerhalb einer der Songs gab man dann noch "16 Tons" zum Besten. An zwei weitere neue, "Sweet Bird" und "Pieces Of Silver", kann ich mich noch erinnern.
Leider kein "Moth To A Flame", kein "Hang On To A Dream", keine Titel von Family. Doch zunächst zur Beschreibung der Szene, vielleicht nicht so unbedeutend für eine Deutung dessen, was am Abend geschah: In der Mitte der Bühne, auf der Stelle von Chapmans 'Arbeitsplatz', war ein Teppich ausgebreitet, die übrigen Musiker durften sich darum scharen.
Da war der Star, umrahmt von seinen Vasallen. Denn genauso schien es mir. Chapman war überall, immer war er präsent, ließ den Musikern wenig Eigenständigkeit, er dirigierte, er bestimmte, ständig schien er sich in Szene setzen zu müssen.
Leider konnte auf diese Weise nicht das entstehen, was ich an Livemusik liebe: Eine Einheit, ein gemeinsames Erleben, Homogenität, und damit verbundene Flexibilität, Kommunikation und Spontaneität. Ich vergleiche bei Rockmusik immer zwei Möglichkeiten.
Entweder ist es Musik, die elegante Melodiebögen zu erzeugen vermag, um daraus Spannung zu gewinnen oder es ist Musik, die 'trocken auf den Punkt' gespielt wird, die dadurch Rhythmik und gefühlvollen Druck vermittelt.
An diesem Abend habe ich beides vermisst.
Zweimal schöpfte ich Hoffnung. Einmal beim, ich glaube, dritten Stück muss es gewesen sein, bei "Crosstown", als sich die Band anschickte, sich der gerade von mir geschilderten zweiten Spielart von Rockmusik zu widmen. Ein weiteres Mal war es ein Stück von Bob Dylan (was wieder einmal beweist, welch gute Stücke der Bob doch schrieb, die viele andere aber besser interpretierten), nämlich "Blind Willie McTell".
Diese beiden Interpretationen waren dann auch die 'Sternstunden' des Abends für mich.
Auffällig war, dass Chapman das Publikum irgendwie nicht so richtig in den Griff bekam, denn ich habe im Pumpwerk schon mehr Begeisterungsstürme toben sehen. Weitere Negativaspekte waren für mich der Schlagzeuger, der einfach steif und 'wie aus dem Lehrbuch' spielte - da fehlte völlig die Flexibilität, da war nichts Spannendes.
Dann war die Abmischung größtenteils wirklich nicht gut. Die Drums waren stark im Vordergrund, selbst Chapmans an sich kräftige Stimme war 'wolkig und schwammig' zugedeckt, so dass es selbst Schwierigkeiten bereitete, seinen Ansagen zu folgen.
Das Violinsolo von Steve Simpson fiel dem Mix fast völlig zum Opfer, Helen Hardy musste sich die Seele aus dem Leib schreien, was zu einem relativ verkrampften Vokalbeitrag führte, die Gitarrenbeiträge waren ebenfalls teilweise sehr undifferenziert zu vernehmen. Lediglich Bass und Schlagzeug waren relativ klar und ortbar.
Ebenfalls fiel mir auf, dass der bei vielen spontan durch seinen ehemals 'meckernden' Gesangsstil so bekannte Sänger eben diesen nicht mehr aufweisen konnte. Seine Stimme war nunmehr bestimmt von einem heiseren Krächzen, das beim eingestreuten Blues "I Just Wanna Make Love To You" einigermaßen passte. Unter jahrelanger Belastung hatte die Stimme offenbar gelitten, oft streute er mehr und mehr ein von hohen Tönen bestimmtes Jaulen ein, und das dann auch noch in die wenigen Solobeiträge der beiden Gitarristen. Bass und Schlagzeug wurde ein Solo erst gar nicht zugestanden. Chappo war halt der Chef! So agierte er, wie man ihn eigentlich ja auch kennt, als ruhelos und hyperaktiv, schleuderte Wasserflaschen und Handtücher (die nun irgendwo ungewaschen ihr Souvenir-Dasein fristen werden) durch die Gegend.
Zusammenfassend und kurz auf den Punkt gebracht war das Musik, die nicht von viel Inspiration geprägt war, dafür mehr von Routine und ich empfand sie, kurz und schmerzlos - als seelenlos.
Durch die Kürze der Songs konnten sich Liebhaber von Rockmusik, die sich auch gern einmal ein längeres Solo eines der Protagonisten wünschen, eigentlich gar nicht richtig austoben. Die Stücke wirkten ob ihrer Reduzierung gelegentlich wie rockige Popmusik, nach dem Motto: Schnell abhandeln und auf zum nächsten.
Dabei hätte es so gut sein können. Meine Vision hierzu:
Steve Simpson an Gitarre, Violine und Mandoline als Dreh- und Angelpunkt der Band, dieser Mann hat das Potenzial! Dazu das Ganze etwas 'herunter gefahren' mit mehr akustischen Elementen, wie man ja es auch von früheren Konzerten teilweise kannte - oder von Family. Und über diesem Gerüst ein besserer Drummer, von Dave Mattacks für diese Art Musik darf ich dann auch wohl nur träumen, und 'freie Hand' für Geoff Whitehorn, Chappo etwas zurück genommen, und dann sollte es klappen.
Aber so war es unter dem Strich schlichtweg enttäuschend. Schade! Mittelmaß!
Hier zum Vergleich ein Konzertausschnitt, wie ich es gern gesehen hätte.
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