Ostrock in Klassik
Ostrock in Klassik Spielzeit: 77:15
Medium: CD
Label: BuschFunk, 2007
Stil: Ostrock


Review vom 04.05.2015


Mario Keim
Es war meine erste Begegnung mit einer Classic Rock-Produktion, als ich 1976 stolz die Langspielplatte "Classic Rock" mit dem London Symphony Orchestra in den Händen hielt, welches Ohrwürmer wie "Bohemian Rhapsody" von Queen, "A Whiter Shade Of Pale" von Procol Harum, "Whole Lotta Love" von Led Zeppelin, "Paint It Black" von den Rolling Stones, "Nights In White Satin" von The Moody Blues und "Whithout You" von Harry Nilson, neben weiteren Stücken, spielte. Von der Klassik-Umsetzung konnte ich gar nicht genug bekommen. Allesamt Songs, die es bereits im Original in sich hatten. Wohlgemerkt spielte das, ursprünglich 1904 in London gegründete, Orchester die Kompositionen ohne die Beteiligung der Originalkünstler und damit ohne Rockunterstützung. Doch der Name - "Classic Rock" - war dennoch Programm: Musik zum Zunge schnalzen und immer wieder ein zeitlos schönes Hörvergnügen.
Somit musste auch das Projekt "Ostrock In Klassik" unter Beteiligung des Deutschen Filmorchesters Babelsberg unter der Leitung von Professor Bernd Wefelmeyer ein Erfolg werden, stand für mich bereits vor dem ersten Hören und der Einladung zur Pressekonferenz am 20. Juni 2007 nach Berlin fest.
Das besagte Orchester ist 1993 von Klaus Peter Beyer neu gegründet worden und ging aus dem DEFA-Sinfonieorchester und dem Radio Berlin Tanzorchester hervor.
Mit der Wiedergründung des Klangkörpers wurde neben der filmmusikalischen Arbeit die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Solokünstlern und Bands, und damit ein weiterer wesentlicher Aspekt des Leistungsspektrums, neu beschrieben.
Neben Cross-Over-Konzerten sind im Rahmen dieser Kooperationen viele CD-Produktionen entstanden, darunter mit Künstlern und Bands wie Rammstein, Bryan Adams, Celine Dion, Manfred Krug, Hildegard Knef, Udo Lindenberg, Rosenstolz, Nena, Söhne Mannheims, Xavier Naidoo, Peter Fox, Selig, Udo Jürgens, Paul Kuhn, Silly, Mousse T, Revolverheld, The BossHoss, Jon Lord, Roger Hodgson, Terrence Blanchard, Sting, Polarkreis 18 oder Silbermond.
Die traditionsreichen Wurzeln des Deutschen Filmorchesters Babelsberg liegen bereits im Jahr 1918, als die Universum Film AG (UFA) in Babelsberg mit dem UFA-Sinfonieorchester das erste Filmorchester Deutschlands gründete, heißt es auf deren Homepage.
Wie geblendet war ich von dem Besuch beim 'Klassentreffen der Ostrocker', jenem denkwürdigen Tag im Sendesaal 1 des einstigen DDR-Rundfunks. Die Nalepastraße war ein Ort, den ich zuvor nur aus dem Radio kannte.
Hier trafen sich also im Juni 2007 Musiker und Bands wie die Puhdys, Silly, Karat, Veronika Fischer, Ute Freudenberg, Dirk Michaelis (Ex-Karussell) und Werther Lohse (Ex-Lift), um interessierten Pressevertretern das Projekt "Ost-Rock in Klassik" vorzustellen. »Sie sehen hier über 1000 Jahre Ost-Rock-Geschichte«, scherzte Sänger Werther Lohse bei seiner Ansprache. Nestor der Truppe mit damals 67 Jahren war Keyboarder Peter Meyer von den Puhdys, Nesthäkchen Claudius Dreilich (damals 36), Sänger der Band Karat.
17 der erfolgreichsten DDR-Hits hatten die Musiker gemeinsam mit dem Filmorchester Babelsberg für "Ostrock In Klassik" aufgenommen - und dies in jenem Sendesaal 1 in der Nalepastraße, also an einem historischen Ort.
Die Band Karat stand zu jener Pressekonferenz besonders im Rampenlicht, wurde doch an jenem Tag offiziell bekannt, dass sie wieder ihren vollständigen Namen führen durfte (ein Streit um die Namensrechte ließ die Band eineinhalb Jahre als Ků. auftreten.).
Anlässlich des besonderen Ereignisses erschien nicht nur das Album "Ostrock In Klassik", sondern kurze Zeit später eine Doppel-DVD, auf dem alle an der anschließenden Tour teilhabenden Künstler mitwirkten. Für die DVD erhielten die Künstler jeweils einen DVD Gold Award. Produzent des großartigen Projektes mit einer Folge-CD war Rainer Oleak, vielbeschäftigter Komponist aus Berlin.
Bis auf Rang 39 in den Top 100 Verkaufs-Charts kletterte das Album "Ostrock In Klassik", die von Januar bis Juni 2007 produziert worden war.
»Mein Dank und meine Bewunderung geht an alle Beteiligten für die Liebe zum Projekt und die Ehre für mich, diesen schönen Liedern ein neues Gewand geben zu dürfen«, schreibt Produzent Rainer Oleak im Booklet der CD in aller Bescheidenheit. Ist es nicht sein besonderes Verdienst, dass wir hier bemerkenswerte, unvergessliche Lieder in einem einzigartigen Gewand hören können?
Bereichert werden die 16 Eigenkompositionen durch die Hommage an die Renft-Combo mit deren Stück "Wer die Rose ehrt", die zur Einleitung von allen beteiligten Sängern gemeinsam gesungen wird.
Zu den Höhepunkten gehören sicherlich die drei Interpretationen von Silly, hatten sie doch zum Zeitpunkt der Aufnahme mit Anna Loos eine neue Sängerin, die erst ein Dreivierteljahr zuvor zur Band gestoßen war. Gleiches traf auf Karat zu. Dort trat Claudius Dreilich 2005 die Nachfolge seines 2004 verstorbenen Vaters Herbert an und überzeugt auf "Der blaue Planet" und auf "Albatros", meinem Ostrock-Favoriten schlechthin. Unverwechselbar auch die beiden Interpretationen von Dirk Michaelis ("Wie ein Fischlein unterm Eis" und "Als ich fortging"), wertvoll ebenfalls die beiden Stücke von Werther Lohse ("Nach Süden" und "Am Abend mancher Tage", DDR-Rock vom Feinsten.
Mit "Lebenszeit", "Hey, wir woll'n die Eisbärn sehn" und "Das Buch" sind die 1969 gegründeten Puhdys auf der Scheibe vertreten. Nicht zu vergessen mit ihrer sanften Stimme Veronika Fischer und ihren verträumten Liedern "Sommernachtsball" und "Dass ich eine Schneeflocke wär".
Die Lieder verdienen alle den Zusatz 'Rock', sieht man einmal von Ute Freudenbergs Titel "Jugendliebe" ab - ein zwar beliebter Track aus DDR-Tagen, aber nun einmal alles andere als ein Rocksong, wohl eher ein Poplied, wenn nicht sogar ein Ostrock-Schlager. Aber darüber lässt sich ja vielleicht trefflich streiten.
Alles in allem eine reizvolle CD, die ich mir immer wieder gerne anhöre und die Erinnerungen weckt, an so manches gute Konzert, mit voller Hingabe gespielt. Live war die Umsetzung ebenfalls ein Erlebnis.
Rainer Oleak hat das Unterfangen meisterhaft umgesetzt und dabei eine Reihe renommierter Mistreiter des Ostrock gewinnen können. Ihm gebührt sicherlich der größte Respekt.
Tracklist
01:Hommage - Wer die Rose ehrt [Alle] (2:59)
02:Blaue Planet [Karat] (5:31)
03:Lebenszeit [Puhdys] (3:25)
04:Bataillon D' Amour [Silly & Anna Loos] (5:06)
05:Sommernachtsball [Veronika Fischer] (4:14)
06:Dass ich eine Schneeflocke wär [Veronika Fischer] (3:30)
07:Nach Süden [Werther Lohse] (3:48)
08:Am Abend mancher Tage [Werther Lohse] (3:57)
09:Mont Klamott [Silly & Anna Loos] (5:16)
10:Wo bist du [Silly & Anna Loos] (3:35)
11:Albatros [Karat] (8:23)
12:Wie ein Fischlein unterm Eis [Dirk Michaelis] (3:39)
13:Als ich fortging [Dirk Michaelis] (4:20)
14:Jugendliebe [Ute Freudenberg] (5:13)
15:Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt [Ute Freudenberg] (3:57)
16:Hey, wir woll'n die Eisbärn sehn [Puhdys] (4:07)
17:Das Buch [Puhdys] (5:58)
Externe Links: