Various Artists / Norsk Blues
Norsk Blues Spielzeit: 79:41
Medium: CD
Label: Norsk Blues Union, 2007
Stil: Diverse

Review vom 16.12.2009


Jürgen Hauß
»1997 var året norsk blues for alvor begynte å bli synlig, og det mot alle odds. Ja, 1997 var året da en gjeng med gærninger oppretta Norsk Bluesunion, året den første utgaven av medlemsbladet Blues News kom ut, og året da alle gikk rundt og nynna: "Hoy, hoy, stompin' our feet with joy«.
Stopp, ich verspreche, mich etwas allgemeinverständlicher auszudrücken. Doch zunächst muss ich etwas weiter ausholen: Wenn man anfängt, rumzustöbern kommt man 'von Hölzchen auf Stöckchen'!
So erging es mir, als ich vor kurzem auf der Suche nach Reviews über Walter Trout zunächst auf Berichte über die Peer Gynt Band stieß, was mich veranlasste, dieser Truppe nachzuspüren. Dies führte zu der von mir anschließend besprochenen CD Ten Years On The Road - Alive.
Beim Recherchieren für diesen Review wiederum entdeckte ich auf der Homepage der Peer Gynt Band den (undatierten) Hinweis, dass die Band mit einem neuen Song auf einer CD vertreten sei, die die norwegische Blues Union - ein Zusammenschluss norwegischer Bluesclubs - anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens veröffentlicht habe und auf der die größten norwegischen Bluesmusiker präsentiert würden. Das machte mich natürlich neugierig!
Der eingebaute Link führte mich auf die Homepage des norwegischen Blues-Magazins BluesNews. Dort fand ich zwar die Information, dass die Zeitschrift bereits im Jahr 2007 ihr 10-Jähriges gefeiert hat (so viel zur Aktualität der Homepage der Peer Gynt Band!), jedoch zunächst keinerlei Hinweis zu der o.g. CD. Auch über Google oder eBay war nichts in Erfahrung zu bringen. Irgendwo auf Blues News entdeckte ich zwar das auch bei Peer Gynt abgebildete Cover der CD, aber sonst nichts.
Als letzten Versuch, an nähere Informationen zu gelangen, schrieb ich eine Email an die Redaktion - und siehe da: Schon am nächsten Tag erhielt ich die Antwort, dass die CD - wie erwartet - bereits im Jahr 2007 veröffentlicht worden sei, man aber noch über einige Exemplare verfüge, ergänzt um das Angebot, mir ein Exemplar zukommen zu lassen. Dies ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen!
Und jetzt liegt sie vor mir: Eine CD im hochglänzenden Pappschuber. Auf der Rückseite sind sämtliche Interpreten mit ihren Titeln und den jeweiligen Spielzeiten aufgeführt, und beim Aufklappen finde ich den Text, der den Hintergrund für diese CD beschreibt - allerdings allein auf norwegisch, so wie einleitend zitiert. Die CD enthält zudem ein achtseitiges Booklet, in dem alle Künstler namentlich sowie mit entsprechenden Fotos und mit Angaben über das Aufnahmejahr der Songs und die jeweilige Besetzung vorgestellt sind: vorbildlich!
Und schließlich entdecke ich zum Glück einen kleinen Folder, der den eingangs ansatzweise zitierten norwegischen Text doch noch zumindest auf Englisch wiedergibt, ergänzt um Informationen zur norwegischen Blues-Szene.
Und damit erschließt sich ein wenig der Hintergrund für die vorliegende CD: Im Jahr 1997 haben sich einige Unentwegte zusammen gefunden, um eine Organisation zu bilden, die den Blues in Norwegen schützen und stärken will. Im selben Jahr erschien erstmalig die Zeitschrift Blues News. Mittlerweile (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der vorliegenden CD) sind etwa 70 Blues-Clubs mit nahezu 8.000 Einzelpersonen Mitglied der Blues Union.
Offen gestanden habe ich von der norwegischen Bluesszene bislang nichts mitbekommen (wenn man einmal von den aktuellen Erfahrungen mit der Peer Gynt Band absieht). Dass dort oben aber auch eine solche Szene existiert, kann man bereits daraus ableiten, dass es mit dem Notodden Bluesfestival eine bekannte Veranstaltung gibt, auf der nicht zuletzt schon Jeff Healey aufgetreten ist. (vgl. den Review von Norbert Neugebauer zu Songs From The Road). Dieses Jahr waren zudem Joe Bonamassa und die Blues Caravan von Ruf Records (Oli Brown, Erja Lyytinen & Joanne Shaw Taylor) mit dabei.
Die CD versteht sich nicht als ein 'Best Of' der norwegischen Blues-Szene, sondern will die Vielfalt und Qualität der unterschiedlichen 'Glaubensrichtungen' des Blues widerspiegeln.
Und genau dies geschieht auf der vorliegenden CD: Mehr als 21 Künstler (da teilweise auch Duette eingespielt wurden) präsentieren exakt so viele Tracks in den unterschiedlichsten Stilformen, wobei es sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - um Eigenkompositionen der jeweiligen Künstler handelt. Würde ich jetzt jeden einzelnen Titel beschreiben, würde dies angesichts deren Vielzahl den üblichen Rahmen deutlich sprengen. Von daher beschränke ich mich zunächst mit dem Hinweis, dass es eine Blues-Szene in Norwegen gibt, die es durchaus rechtfertigt, beachtet zu werden. Nicht jeder Musiker wird jedem Hörer gefallen, aber - umgekehrt - für jeden ist etwas dabei.
Es beginnt mit Kid Andersen und seiner Version von "Key To The Highway", einem alten
William Broonzy-Titel. Offenbar hat Kid Anderson zuvor häufiger die Interpretation von B.B. King und
Eric Clapton auf dem Album "Riding With The King" gehört, denn Ähnlichkeiten - auch beim Gesang - sind unverkennbar, auch wenn die Aufnahme Piano-lastiger daherkommt. Trotzdem: Nicht schlecht für den Anfang.
"Goin' To Paris", eine Eigenkomposition des Protagonisten Hungry John (Bernes), erinnert hingegen stark an Omar Kent Dykes; stimmlich wie optisch gibt es gewisse Ähnlichkeiten.
Die Notodden Bluesband - quasi die Hausband des Notodden Bluesfestivals und seit dreißig Jahren im Geschäft - steuert den Titel "Island" bei, eine Gemeinschaftskomposition des Sängers der Band, Trond Ytterbø, und dem unter dem Namen Seasick Steve bekannten amerikanischen Blues-Musiker Steve Wold, der sich erst in Anfang 2000 mit seiner norwegischen Ehefrau in deren Heimat niedergelassen hat - allesamt nicht mehr die Jüngsten, aber Qualität kennt keine Altersgrenze. Die raue Stimme von Trond Ytterbø wird herrlich kontrastiert von dem schmächtigen Gesang von Torhild Severtsen, ohne dass der Song ins Schnulzige abdriftet.
Knut Reiersrud & Oslo Groove Companys "I Wonder Why" fällt als die mit knapp sechs Minuten längste Aufnahme der Scheibe ansonsten noch aus drei Gründen aus dem Rahmen: Erstens handelt es sich um eine Live-Aufnahme, zweitens stammt sie bereits aus dem Jahr 1992 (und damit außerhalb des Zeitfensters der CD) und drittens ist es ein reiner Instrumental-Titel. Mit starkem Bläser-Arrangement verführt der Slowblues zum Wegträumen.
Von Bjørn Berge gibt es auf "Norsk Blues" eine gelungene Interpretation der Beck (Hansen)-Debütsingle "Loser" aus dem Jahr 1993, bevor Reidar Larsen "You Don't Have To Say Goodbye" erzählt; ruhige Lounge-Music ist angesagt. Diese Stimmung bleibt bei "Love At First Sight" des R&B Express; die Hammond B3 prägt unüberhörbar den Song.
Die erste von zwei solistisch auf der Scheibe interpretierenden Frauen, Rita Engedalen, singt mit dem Song "Jessie Mae Hemphill" aus dem Jahr 2006 über die amerikanische Country-Blues-Gitarristin und -Sängerin, die in jenem Jahr im Alter von knapp 83 Jahren verstorben war. Stilistisch ist der Track allerdings eher bei Joan Baez einzuordnen.
Ebenfalls um eine Frau dreht sich der nächste Track von Kurt Slevigen: "Annabelle". Ein im positiven Sinne 'dreckiger' Blues mit rauer Bluesharp. Jazzig geht es weiter mit "Jam At Fagen's" von Vidar Busk & His True Believers, zwar auch wieder mit der Bluesharp instrumentiert, aber der Track wird eindeutig geprägt von einer Jazz-Gitarre im Stile eines Django Reinhardt.
Mit seiner Aufnahme des Otis Rush-Klassikers "Double Trouble" muss sich Ronnie Jacobsen an Blues-Größen wie Eric Clapton und John Mayall & The Blues Breakers messen lassen, die diesen Song ebenfalls interpretiert haben.
Mir liegt allerdings von John Mayall nur dessen Version aus dem Jahr 1967 vor, die unter dem CD-Titel "Exclusive Live Rarities" in der 5-CD-Box Essentially John Mayall (vgl. den Review von Joe) veröffentlicht wurde, und die schon aufnahmetechnisch stark abfällt. Aber auch hinter Eric Claptons Aufnahme von 1980 auf der CD "Just One Night" muss sich Ronnie Jacobsen keinesfalls verstecken.
Der einzige Titel, der mir aufgrund meiner 'Vorermittlungen' schon bekannt war, ist natürlich "X-Ray Eyes" von der Peer Gynt Band, als Blues Rock einer der härteren Titel von "Norsk Blues". Und anschließend kommt endlich, worauf ich die ganze Zeit gewartet habe: Ein Blues auf norwegisch! "Problemer Opp Og Ned" von Kåre Virud - ein wunderschöner, vielfältig instrumentierter Slow-Blues, den man auch ohne Sprachkenntnisse 'versteht'.
Den Abschluss bildet Kristin Berglund mit "I've Been Down There"; ein wundervoller Slow-Blues, begleitet nur von der perfekt gespielten, eigenen akustischen Gitarre und mit herrlich bluesigem Gesang vorgetragen. Das Ganze gesanglich im Stile einer Dani Wilde; aber vielleicht sollte ich den Vergleich besser umgekehrt ziehen, denn Kristin Berglund war schon seit 25 Jahren 'im Geschäft', bevor sie im Jahr 2006 verstarb.
Jetzt habe ich doch zu fast allen Titeln etwas geschrieben, ohne damit zum Ausdruck bringen zu wollen, dass die übrigen Songs nicht der Rede wert wären, aber - wie es im Booklet in anderem Zusammenhang heißt - manchmal muss man den einen oder anderen Titel aus Platzmangel auslassen. Das Booklet hat auch nicht zuviel versprochen: Die Auswahl der Stücke auf der CD ist in der Tat vielfältig und qualitativ hochwertig. Mehr ging - nicht zu letzt im Hinblick auf die Gesamtspieldauer der CD - im wahrsten Sinne des Wortes - nun wirklich nicht!
Und immerhin: Zumindest von Bjørn Berge habe ich im Plattenladen meines Vertrauens - Mr. Music in Bonn - CDs gefunden. Völlig unbekannt scheint er jedenfalls hierzulande doch nicht zu sein.
Fazit: Die norwegische Blues-Szene ist so vielfältig wie die norwegische Fjordlandschaft. Der wesentliche Unterschied besteht allerdings darin, dass man die Blues-Szene auch bei absolut miserablem Wetter genießen kann - jedenfalls, wenn man die vorliegende CD sein Eigen nennen kann.
Tracklist
01:Kid Anderson - Key To The Highway (3:15)
02:Hungry John - Goin' To Paris (2:42)
03:Notodden Bluesband & Torhild Sivertsen - Island (3:07)
04:Good Time Charlie - Mohair Sam (2:30)
05:Knut Reiersrud & Oslo Groove Company - I Wonder Why (5:53)
06:JT Lauritsen & The Buckshot Hunters - The Bug (2:54)
07:Bjørn Berge - Loser (3:52)
08:Reidar Larsen - You Don't Have To Say Goodbye (3:45)
09:R&B Express - Love At First Sight (4:19)
10:Rita Engedalen - Jessie Mae Hemphill (3:12)
11:Kurt Slevigen - Annabelle (5:35)
12:Vidar Busk & His True Believers - Jam At Fagen's (4:24)
13:Jolly Jumper & Big Mode & Dr. Bekken - I Had The Blues So Bad (3:42)
14:Buzz Brothers - Freight Train (2:47)
15:Ronnie Jacobsen - Double Trouble (5:54)
16:Steinar Albrigtsen - Mississippi Queen (2:28)
17:Peer Gynt Band - X-Ray Eyes (3:35)
18:Kåre Virud - Problemer Opp Og Ned (3:26)
19:Tiger City Jukes - Escape (4:11)
20:Amund Maarud - SF Jump (2:28)
21:Kristin Berglund - I've Been Down There (5:32)
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