City - 40-jähriges Jubiläum
23.03.2012, Tempodrom, Berlin
City City - 40-jähriges Jubiläum
Tempodrom, Berlin
23. März 2012
Konzertbericht
Stil: Rock


Artikel vom 31.03.2012


Holger Ott
Die 'Kings' vom Prenzlauer Berg' werden vierzig
Heute begeben wir uns auf eine Zeitreise in vergangene vier Jahrzehnte, von denen sich etwas über die Hälfte hinter dem Eisernen Vorhang (in Berlin die Mauer), abgespielt haben. Wie passend dazu, findet die Veranstaltung im Tempodrom statt, einem nüchternen, tristen Betonbau, der stark an die Plattenbausiedlungen in Marzahn und Hellersdorf erinnert. Gut neunzig Prozent der Besucher in der ausverkauften Halle haben diese Zeitreise am eigenen Leib erfahren, und so wundert es uns nicht, dass das Publikum überwiegend im gesetzten Alter ist. Bekleidungstechnisch scheint bei den Meisten wohl bereits vor dem Mauerfall die Zeit stehen geblieben zu sein, ein sanfter Hauch von Kunstfaser zieht sich durch die Lobby, und so manche Ehelit-Jacke erfährt heute Abend ihre Auferstehung. Da fallen Mike und ich mit unseren West-Markenjeans wieder richtig auf, und die Blicke der vorbeilaufenden Fangemeinde sind uns gewiss. Am Einlass werden wir schon nach unserem Besuchervisum, ähm Presseausweis gefragt, und wir merken sofort, dass es heute Abend streng nach Schema F geht. Als einige Minuten später ein wichtiger Mann mit Funkgerät auf mich zu kommt und mir ins Ohr flüstert, dass meine Kamera doch recht groß aussieht, fühle ich mich in diesem Moment wie ein ertappter IM [inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit, Anm. d. Red.]. Zum Glück können wir darüber jetzt lachen, und nachdem ich mich erneut ausweisen muss, durfte ich weiter so tun als wenn ich dazu gehöre, und werde nicht sofort in Richtung Bautzen abtransportiert.
Gastgeber dieser sehr gelungenen Ostalgie-Veranstaltung ist die Berliner Band City, die sich neben denPuhdys, Karat, Silly und Rockhaus über die Zeit behaupten konnte, und immer noch an der Spitze der Ex-DDR-Oberliga mitspielt.
Ihre Musik handelt nicht nur von Liebe und Herzschmerz, sondern deckt auch mal die Themen auf, über die andere nicht gerne reden. Dass sie damals oft angeeckt sind, haben die Musikkonsumenten im Westen nicht mitbekommen, trotzdem haben sie sich mit ihren Songs gegen das Regime durchsetzen können, wurden geduldet und akzeptiert, und mit einigen gut in der Hitparade platzierten Liedern etabliert. Sie sind, wie man sieht, bis dato sehr angesagt.
Herausragendes Stück und der Meilenstein in ihrer Karriere ist natürlich "Am Fenster". Ein Song, der praktisch aus dem Nichts im Übungsraum entstanden ist. Während sich damals Geiger und Bassist Georgi Gogow warm spielte, und belanglos auf seiner Violine herumzupfte, kam der Band die Idee für dieses Monumentalwerk von über siebzehn Minuten Länge. In jungen Jahren war es auch für mich der Stein des Anstoßes, mir die Platte unverzüglich zuzulegen, obwohl ich den tiefen Sinn des Textes nicht verstand, mich die Musik aber extrem faszinierte. Auch heute gehört "Am Fenster" zu meinen Lieblingsstücken, und ich kann der Band nur danken, wie herausragend sie es zu ihrem Jubiläum für mich und die vielen tausend Anderen im Saal performt hat.
Aber dieses Jahrhundertwerk soll nicht das einzige Highlight des Abends sein.
Die ganze Show wurde mit mehreren Kameras gefilmt und soll später auf DVD gebannt werden. Alle Fotoreporter bekommen die Ansage, das komplette Konzert zu fotografieren. Dass es sich lohnt, wird uns versprochen, und so bin auch ich voller Erwartung, was der Abend so an Motiven parat hält.
Dirk ZöllnerErste, und nicht im Vorfeld angekündigte Überraschung ist ein unplugged Auftritt von Dirk Zöllner in Begleitung seines Keyboarders. Er gibt vier sehr schöne Stücke zu Ehren von City zum Besten, und hält im Anschluss eine bewegende Laudatio über das Lebenswerk der Band, und die Begegnungen zwischen den Musikern seiner Band Die Zöllner und City. Still und heimlich schleichen sich derweil im Halbdunkel die City-Musiker auf die Bühne, um dann im Rausch des Applauses ein Feuerwerk ihrer größten und bekanntesten Hits abzuschießen. In den Songpausen erzählt Sänger Toni Krahl immer wieder Geschichten aus dem Bandleben - mal lustig, mal nachdenklich, aber immer sehr ehrlich und direkt.Anna LoosDanksagungen an das Publikum sowie an die vielen anwesenden Musikerkollegen, ausnahmslos alle aus der Ex-DDR, die verstreut in den Rängen sitzen, oder wie die nächsten Bühnengäste, Anna Loos und Uwe Hassbecker von Silly, mit denen City mehrere Songs zusammen spielen.
Hassbecker gibt mit seinem Gitarrenspiel dem Abend die nötige Power, und ergänzt sich mit Fritz Puppel hervorragend. Lediglich Anna Loos kann nicht so recht punkten. Vom Outfit eher ein graues Mäuschen, kann sie auch mit ihrer bescheidenen Stimme nicht viel bewegen. Für meine Begriffe wird sie nie aus dem Schatten der verstorbenen Tamara Danz hervortreten können, und wie man leider beobachten kann, geht es mit Silly auch nicht gerade aufwärts, seitdem sie die charismatische Danz ersetzt.

Dirk Zöllner    Uwe Hassbecker    Dirk Zöllner
Dieter 'Maschine' BirrEin weiterer Höhepunkt im Verlauf des Abends ist das Gastspiel von Dieter 'Maschine' Birr, Frontmann der Puhdys. Neben zwei Songs von City, bei denen er gesangstechnisch mitwirkt, und die er mit einer Akustik-Gitarre begleitet, sowie der Übergabe des Geburtstagsgeschenkes in Form eines Bandfotos, wird einer der größten Puhdys-Hits und mein Lieblingssong der Ost-Rocker, gemeinsam performt: "Lebenszeit". In diesem Moment ist der Abend für mich schon fast vollkommen, fehlt nur noch der anfangs angesprochene Dauerbrenner "Am Fenster", der später als einzige Zugabe ausgiebig zelebriert werden soll.
Dieter 'Maschine' Birr
Große Huldigungen mit Sprechchören von den Rängen erfährt auch Drummer Klaus Selmke, der an diesem Abend auch noch Geburtstag hat. Ein Drumsolo verkneift er sich allerdings, dabei macht es doch solch einen Spaß, ihm beim Spielen zuzusehen, denn nach wie vor spielt er mit nackten Füßen und auf dem Boden sitzend sein extra schräg gestelltes Set, damit ihn auch alle Zuschauer sehen können. Zwar ist er in den Jahren etwas korpulenter geworden, aber er schafft es immer noch, die Beine bis zur High-Hat hinauf zu heben, um den Klang mit den Zehenspitzen abzudämpfen. Inzwischen hat er auch zwei Kissen unter dem Hintern, der Bequemlichkeit wegen, dennoch ist er unter den Drummern der Welt ein absolutes Unikum.
CityWie schon angesprochen, wird das ganze Konzert aufgezeichnet und als DVD veröffentlicht. Um so etwas auf die Beine zu stellen, bedarf es einer Menge Technik und guter Qualität des Equipments. Letzteres hat in einigen Punkten kläglich versagt. Die Gesangsmikrofone bleiben teilweise minutenlang still, und der Sound ist anfangs auch nicht berauschend. Dazu kommen kleine persönliche Probleme, als bei "Glastraum", das Toni Krahl unter einer weißen Plastikfolie singt, das Mikro herunter fällt, und er es im Gewirr der Folie suchen muss. "Plaste und Elaste aus Schkopau" fällt mir dazu nur ein, der Spruch, der die Elbbrücke bei Dessau zierte, und mich auf der Transitstrecke gen Süden jedes Mal zum Lachen brachte. Krahl nimmt es professionell gelassen, lässt die Band weiter spielen, und bringt die Situation souverän zu Ende.
CityEtwas schwach für eine Veranstaltung in diesem Rahmen ist die Ausstattung der Bühne. Nur die nötigste Beleuchtung ziert das zweistöckige Gebilde, auf dem das Keyboard und das Drum-Set stehen. Im Hintergrund ist die Silhouette von Berlin angedeutet, mit dem Brandenburger Tor und dem Fernsehturm, sowie am rechten Bühnenrand eine Videoleinwand, deren Bilder oft unscharf sind und die von den Backgroundsängerinnen sowie dem Bläsertrio zum Teil verdeckt werden. Das ist auch schon alles an Effekten und Verzierungen. Etwas pompöser könnte es ruhig sein, runden Geburtstag feiert man ja nicht so oft. Geschenke an das Publikum werden dafür von Toni Krahl in Form von Bonbons verteilt. Wie originell, mit City-Aufdruck werden die süßen Leckereien bestimmt bei Sammlern sehr begehrt sein.
Georgi GogowDie herausragende Persönlichkeit des Jubiläumskonzertes aber ist ohne Zweifel Bassist und Geigenvirtuose Georgi Gogow. Ohne Pause läuft er von links nach rechts über die Bühne, zupft den Bass mit sauberen Läufen und spielt die Geige mit einer göttlichen Hingabe. Dass dieser Mann wieder zur Band zurück gefunden hat, ist das Beste, was der Truppe passieren konnte. Wenn er "Am Fenster" anstimmt, steigen bei den meisten im Saal die Tränen der Freude in die Augen. So auch bei mir, denn direkt vor mir stehend, habe ich das Gefühl, dass Gogow den Song ausschließlich für mich spielt. Innerlich frage ich mich nur noch, ob er das Werk auch über die volle Distanz von siebzehn Minuten bringt. Wie lange es im Endeffekt lief, weiß ich nicht, aber es war grandios, und der krönende Abschluss eines perfekten Konzertabends.
CityWer sich allerdings daran stört, dass City aus der Ex-DDR stammt, oder wie fast alle großen Bands aus den östlichen Bundesländern ihre Texte nach wie vor in deutsch singen, der ist in diesem Genre fehl am Platze. Die Geschichte lässt sich nun mal nicht verdrängen, und jede Formation aus dem Osten, die bis heute noch aktiv ist, hat eine gewisse Ehrerbietung verdient.
Vielen Dank an City für vierzig Jahre schöne Musik, und viel Erfolg für mindestens weitere zehn Jahre.
Danke auch an Janine Lerch vom Concertbüro-Zahlmann für die freundliche Unterstützung.


Line-up Kamchatka:
Fritz Puppel (Gitarre)
Klaus Selmke (Schlagzeug)
Toni Krahl (Gesang, Gitarre)
Manfred Hennig (Keyboards)
Georgi Gogow (Bass, Geige)

City       City       City
Dirk Zöllner    City    City
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