Sich nackig zu machen, ist immer gefährlich.
Charlie Rocks Mal ganz ohne Schmus: Wir RockTimer haben allesamt ein Herz für Newcomer, besonders, wenn sie aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Charlie Rocks konnten kürzlich mit ihrem zweiten Album "Durch und durch" überaus positiv auffallen. Gutes Songwriting, intelligente Texte, eingängige Hooks...

Allesamt gute Gründe, dem Mastermind hinter Charlie Rocks, dem Songschreiber und Multiinstrumentalisten Niels Stummeyer mal etwas genauer auf den Zahn zu fühlen...

Interview vom 23.12.2013


Steve Braun
RockTimes: Tach, Niels! Schön, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wer ist denn nun dieser 'Charlie', der da so tierisch abrockt? Die Figur aus MMWs Song oder das Alter Ego von Dir...?
Niels: Erstmal ein Dankeschön von mir für die Interviewanfrage. Die Frage »Wer ist Charlie?« kam in der Bandzeit des Öfteren auf. Auf der Suche nach einem passenden Namen hat mir die Umschreibung der lyrischen Person aus dem Song "Charlie" von MMW einfach sofort zugesagt. Dieser Charlie ist bei Frauen und Männern beliebt und wer ist das nicht gerne. Er ist frei und dennoch scheinbar ein ganz normaler Typ (»...jeder Mann muss sterben«). Das waren die positiven Aspekte. Die Kehrseite brachten eigene Erfahrungen hinzu. Du wirst halt nicht von jedem gemocht. Manche sehen dich sogar als 'Feind' oder 'Gegner' an und dies trifft auch auf die amerikanisch-militärische Feindbezeichnung (Charlie) zu . Und ich denke, wenn du als Rockband nicht auch verachtet wirst oder Neid kassierst, hast du was falsch gemacht.
RockTimes: Wenn man sich das Line-up von Durch und durch anschaut, könnte man auf die Idee kommen, es sei ein Soloprojekt. Ich konnte von den erheblichen Schwierigkeiten im Entstehungsprozess auf Deiner Website lesen und vermute mal ganz stark, dass das nicht Deine Intention ist, oder?
Niels: Nein, für mich stand stets die gesamte Band beim Projekt Charlie Rocks im Vordergrund. Zwar bin ich gerne als Sänger der Frontmann, der auch gerne das Publikum unterhält und animiert, doch das funktioniert für mich nur mit der richtigen Band, bei der jeder seine Rolle am besten ausfüllt. Und das ist auch immer der Grundgedanke bei einer Plattenproduktion. Doch wir hatten Ende 2011 leider bereits ohne einen Bassisten begonnen aufzunehmen. Anfang 2012 stieg unser Drummer aus, da ihm die Musik nach den Aufnahmen nicht mehr zusagte. Dagegen ist ja keine Band gefeit, und wenn es musikalisch nicht mehr passt, kann man eh nicht mehr dagegen wirken. Ich hatte meinen Wohnsitz in dieser Zeit von Berlin nach Petershagen in NRW verlagert und pendelte bereits ein Jahr lang alle ein, zwei Wochen für Proben und Gigs nach Berlin. Um eine komplett neue Rhythmusgruppe einzubauen, fehlte mir einerseits die Kraft und auch der Glaube, über die Distanz eine ähnlich gute Bandgemeinschaft, wie wir sie hatten, erneut zu erreichen. Hätte ich die Wahl zwischen Bandformation oder solo, ich würde immer die Band bevorzugen.
RockTimes: Da drängt sich doch die Frage auf, wie es derzeit ausschaut? Hast Du nun die Energie und die Überzeugung, nach den erfolgreichen Aufnahmen eine neue Formation aufzubauen?
Niels: Überzeugung auf alle Fälle. Die Energie und die Zeit sind wohl die Faktoren, die es jedenfalls gerade jetzt nicht zulassen. Alleine das Finden einer Band ist aus der eigenen Erfahrung heraus keine leichte Aufgabe. Die gesamte Arbeit, die zu einem neuen Bandprojekt - vor allem am Anfang - hinzu kommt, wie Promo und Booking, darf man ja auch nicht unterschätzen. Ich glaube, dass ich mir die Frage nach einer neuen Formation wohl eher zum kommenden Jahresende noch mal stellen werde und schaue, ob es dann zeitlich planbar ist. Manchmal hilft einem ja auch der Zufall bei Entscheidungen weiter.
RockTimes: Wir hatten gerade die neuen Aufnahmen im Schwitzkasten und ich darf vorab verraten, dass sie - ein paar winzigen Kritikpunkten zum Trotz - richtig fett eingeschlagen haben. Bist Du zufrieden mit dem Gesamtergebnis?
Niels: Also, mich hätte es gewundert, wenn keine Kritik aufkommt. Natürlich ist es super, wenn es 'einschlägt', aber man ist ja weiß Gott noch nicht am Ende seiner Entwicklungsphase und da ist Kritik immer hilfreich.
Aber ja, ich bin auf alle Fälle zufrieden mit dem Ergebnis, sonst hätte ich den Schritt mit der alleinigen Veröffentlichung nicht gemacht. Für mich funktionieren die Songs, von denen einige teilweise fünf Jahre lang reifen konnten und nun endlich für mich 'perfekt' sind. Sicherlich geht es immer besser, und wenn ich die Platte höre, fallen mir hier und da auch immer wieder Sachen auf, die man anders hätte machen können. Doch das geht wohl jedem Musiker so, vor allem wenn man in dem ganzen Prozess vom Schreiben über das Aufnehmen bis hin zum Abmischen drinsteckt. In einer Band gehst du halt immer Kompromisse ein, was auch total okay ist, doch jetzt konnte ich einfach mal komplett 'mich' umsetzen und es so gestalten, wie ich es schon hörte, bevor es fertig war und kam wohl so schneller zum Ziel.
RockTimes: Könntest Du es Dir deshalb vorstellen, bei der nächsten Platte mal mit einem erfahrenen Produzenten zusammenzuarbeiten?
Niels: Vorstellen ja, wohl aber eher für ein oder zwei Songs, um zu sehen, was es beiden Seiten bringt. Allerdings würde ich bei einer neuen Platte definitiv mehr Musiker ins Boot holen, die besser an den Instrumenten sind. Der nächste Schritt wäre, die Songs von oder mit jemand anderem mischen lassen, um noch mal eine andere Sichtweise zu bekommen. Das Mastering wird auf alle Fälle bei den nächsten Aufnahmen ausgelagert.
Charlie Rocks RockTimes: Alle Songs selbst geschrieben - Respekt! Man sagt ja im Allgemeinen, dass es einem so richtig Scheiße gehen muss, um einen guten Song schreiben zu können. Kannst Du das nachempfinden bzw. was inspiriert Dich zu neuen Stücken?
Niels: Es ist definitiv einfacher einen 'Depri-Song' zu schreiben, vor allem wenn man selber am Boden liegt, als ein fröhliches Stück, wenn einem die Sonne ins Gesicht scheint. Mein eigenes Songwriting ist eher weniger planbar. Ich kann mich zwar eine ganze Nacht gezielt hinsetzen, wobei sicherlich einiges an Output herauskommt. Jedoch ist selten 'der Song' dabei. Die spannenden und 'neuen' Songs entstehen meist aus einem Ansatz, der zufällig und nebenbei beim 'Klimpern' entsteht. Und wenn dieser sich dann samt Text vom Anfang bis zum Ende hin in einem Fluss herunterschreiben lässt - ja, das sind meist die besten Songs. Allerdings habe ich auch ein kleines Arsenal von gut fünfzig bis sechzig Ansätzen und Ideen, auf die ich immer wieder zurückgreife. Auf diese Weise entsteht nach und nach ein Song. Textlich greift man ja automatisch auf eigene Erfahrungen zurück. Doch ich höre mir auch gerne englische Songs an und überlege, wie ich zu der allgemeinen Textaussage stehe - wenn sie mich betrifft oder ich eine Meinung dazu habe - und nehme das als Grundlage für einen deutschen Text.
RockTimes: Musikalisch bedient sich 'Charlie' offenbar gerne beim knackig-eingängigen Rock. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Diskographien der Stones und The Who in Deinem Plattenregal gut vertreten sind?
Niels: Bei mir sind alle offiziellen Veröffentlichung (ob live oder Studio) der Stones vorhanden. The Who war nie so recht mein Fall. Led Zeppelin, vor allem die Liveaufnahmen, schon eher sowie die Band Slade.
RockTimes: Genau, Slade waren (und sind) ebenfalls extrem geil! Ist das auch eine Facette des 'Charlie' - gute Unterhaltung und Spaß auf der Bühne?
Niels: Auf jeden Fall. Charlie Rocks war immer mehr eine Live- als eine Studioband und mir war die eigene Show, jedoch aber auch die Bewegungen aller anderen Mitglieder auf der Bühne, sehr wichtig. Mir wurde früher in meinen englischen Bands immer der Bühnen-Jagger nachgesagt, was am Anfang auch irgendwie okay war. Wenn man sich selber erst finden muss, sucht man sich ein Vorbild. Mit Charlie Rocks konnte ich das ablegen und mein eigenes Ding auf der Bühne machen, um besser mit dem Publikum zu kommunizieren. Bei einem Konzert kommen die Leute zwar zum Hören, aber auch zum Sehen, und ich glaube, dass wir das in der letzten Band sehr gut bestätigen konnten. Egal, ob es eine kleine Clubbühne oder größere wie im Berliner Kesselhaus war. Ich stand selten mit einem Instrument (von der Mundharmonika und Percussion abgesehen) auf der Bühne, da ich für mich die Freiheit brauchte, um den 'Entertainer' in mir rauszulassen.
RockTimes: Wäre es despektierlich, wenn ich jetzt angesichts der durchweg überzeugenden Lyrik und vor allem des leicht schnoddrig-lässigen Gesangs die Namen MMW und Rio Reiser ins Spiel brächte?
Niels: Nein, keineswegs. MMW war meine erste Orientierung im deutschsprachigen Bereich. Er wurde oder wird ja noch immer als der 'deutsche Rolling Stone' bezeichnet und mir gefällt sehr, sehr vieles von ihm. Rio Reiser wurde mir schon öfter ans Herz gelegt, doch dazu habe ich nie einen Bezug gefunden. Die letzten Alben der Band Selig haben mir sehr gefallen und ich hoffe, dass davon auch etwas in der kommenden Zeit auf Charlie Rocks abfärben wird.
RockTimes: Aber Selig stehen gerade für eine Hinwendung zum Elektro-Pop. Ist das wirklich eine Option für Dich?
Niels: Also, gerade die letzten beiden Studioalben, "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" und "Magam", tragen viel Rock und auch teilweise den Sound, den ich mir für einige zukünftige Songs gut vorstellen kann. Andere Facetten wie 'Elektro-Pop' ins Spiel zu bringen, würde ich nicht ausschließen, um für mich selbst etwas Neues zu versuchen. Allerdings spreche ich hier nur von Elementen innerhalb eines Songs.
RockTimes: Aus gegebenem Anlass ("Männer sind und Frauen auch"): Was bedeutet Loriots Humor für Dich?
Niels: Loriot ist ein Familienerlebnis. Ich kann nicht zählen, wie oft ich den Film "Pappa Ante Portas" in gemütlichen Familienrunden in meiner Jugend gesehen habe. Ich kann ihn heute noch frei mitsprechen [lacht]. Loriot hat das Leben genial beobachtet und gibt dies so schlicht und selbstverständlich in seinen Filmen und Sketchen wider. Dafür brauchte er nie unter die Gürtellinie zu gehen oder eine reale Person konkret zu veralbern, was in der heutigen Comedy ja schon ein 'Muss' zu sein scheint. Er bedient sich dieser genialen Marotten eines Jedermann und dies auf eine einzigartige Weise.
Charlie Rocks RockTimes: Ich empfinde es als überaus angenehm, dass Deine persönlichen Texte niemals zu aufdringliche Blicke ins Seelenleben zulassen. Für mich stellt sich das oft als schwierige Gratwanderung dar. Wie ist Deine Haltung zum 'Seelen-Striptease'?
Niels: Sich 'nackig' zu machen, ist immer gefährlich, auch wenn es der leichtere Weg zum speziellen Etwas ist und du dich so aus der Masse hervorheben kannst. Allerdings ist für mich immer die Frage, für wen ich die Musik mache. Für mich oder für das Publikum? Ich möchte den Zuhörer teilhaben lassen, ihm ggf. auch etwas mitgeben, aber letztendlich ist es ein Ventil einer Bandgemeinschaft und in letzter Instanz für mich selber. Da reicht es schon aus, wenn ich mit einer Textzeile explizit einen Gedanken oder Gefühl verbinden kann, der Zuhörer aber vielleicht eher verunsichert ist und keinen Schimmer hat, was ich mit dem Text sagen möchte. Ich denke mal, dass es zum Beispiel beim Song "Du kennst mich nicht" nur ein paar wenige Menschen gibt, die alles komplett nachvollziehen können und es nicht ein Stück ist, mit dem ich jetzt jedem zweiten etwas mit auf den Weg geben möchte - vielleicht den Gedanken, auch mal einfach sein eigenes Ding durchzuziehen. Aber es ist schon genial, wenn man ein Gefühl in ein Song legen kann, den sich jemand anderes in einer ähnlichen Situation zu nutzen machen kann. Zum Beispiel jemanden ein "Dankeschön" zu geben... [lacht]
RockTimes: War es für Dich jemals - egal ob aus künstlerischen oder kommerziellen (was keineswegs anrüchig ist!!) Gesichtspunkten - ein Thema, in Englisch zu texten und zu singen?
Niels: Ich habe von 2001 bis 2006 ausschließlich in Englisch getextet und gesungen. Daher ist mir das aus früheren Bands durchaus bekannt. Aber egal, ob es meine oder die Texte anderer Bandmitglieder waren, kratzte man doch thematisch immer nur oberflächlich herum. Mein Englisch war nie gut genug, um tiefgehende Texte zu schreiben, die mich selbst überzeugt hätten. Eine gute Freundin meinte, ich solle doch mal einen Text auf Deutsch schreiben und nach dem ersten deutschen Text ("Dankeschön") folgten im Jahr 2007 weitere sowie teilweise auch die Übersetzung früher englischer Kreationen ("Du brauchst mich, benutz mich"), wobei ich massiv merkte, wie 'lasch' meine englischen Texte in ihrer Aussage waren. Ob jemand anderes jetzt meine deutschen Texte für genial, banal oder oberflächlich befindet, ist natürlich eine andere Sache. Aber ich fühle mich sehr viel wohler und verbundener mit der deutschen Sprache und kann damit das aussagen, was ich meine, ohne es eindeutig zu beschreiben.
RockTimes: Kritische Blicke auf den Zustand unserer Gesellschaft sind ebenfalls kaum zu übersehen. Was läuft nach Deiner Meinung falsch in diesem Land?
Niels: Echt? Sind diese so eindeutig? Meine 'kritischen Blicke' beruhen eher auf Beobachtungen von Ereignissen, bei denen mir das Verständnis fehlt, wie man so miteinander umgehen kann ("Der Gentleman" als Paradebeispiel) oder eben auch ein Teil von "Du" oder "Männer sind und Frauen auch". Ich denke, dass die Gesellschaft mehr zusammenrücken könnte und man etwas mehr Verständnis für andere aufbringen sollte. Das klingt jetzt sehr nach Weltverbesserer, aber für viele gibt es eben nur die Sicht 'Bist Du nicht für mich, bist Du gegen mich', was sich sicherlich mit etwas mehr Toleranz und weniger Aggression besser lösen lassen würde. Und ich möchte mich da selbst nicht ausschließen.
RockTimes: Ich höre schon subtil-kritische Ansätze heraus, vor allem zum Thema Religion und Kirche, aber natürlich auch zum zwischenmenschlichen Miteinander... Was wäre denn so schlimm daran, wenn man als 'Weltverbesserer' oder 'Gutmensch' verstanden würde?
Niels: Bei religiösen Aspekten steuere ich nicht auf die Glaubensfrage an sich zu. Jeder sollte in seinem Glauben frei sein dürfen. Kritische Blicke richten sich da eher auf finanzielle Eskapaden der Kirche sowie alles, was mit Kindesmissbrauch zu tun hat. Allerdings sind das explizit sehr heikle Themen, die ich nicht in meine Musik direkt einarbeiten will. Ein 'Gutmensch' zu sein, ist nicht schlimm - im Gegenteil. Jedoch sollte man als 'Weltverbesserer' schon etwas Großes für eine Gesellschaft vollbringen und auf dieser Ebene sehe ich mich als Musiker nicht.
Charlie Rocks RockTimes: Und was läuft in der Musikindustrie schief??
Niels: Ich weiß nicht, ob die Musikindustrie jemals 'richtig' gelaufen ist. Schon bei den Stones wurden Jugendliche engagiert, um Stimmung oder eben auch Krawall auf Konzerten zu machen, was ich für ein komisches Mittel halte. Heute kannst du dir halt Facebook-Fans und Soundcloud-Follower kaufen. Das sind halt diverse Mittel, die für mich nichts mit der Musik zu tun haben, jedoch gang und gäbe in der schnellen und vor allem digitalen Musikwelt sind.
Mich stört es vielmehr, zu welchen Ramschpreisen Musik heutzutage verkauft wird und man teilweise mit aufspringen muss, wie bei den Preisvorgaben der digitalen Stores. Für mich persönlich ist es nicht so kritisch, da ich mein Grundkapital nicht mit Charlie Rocks verdienen möchte, aber wer darauf angewiesen ist oder dies vor hat, für den wird es immer schwerer. Ich glaube, dass dem Konsumenten nicht bewusst ist, was für eine Songproduktion nötig ist sowie wer und was bezahlt werden muss - vom Gewinn für den Musiker mal ganz zu schweigen. Es wird immer gesagt, die Musikindustrie bzw. die Majors hätten die digitale Zeit verpennt. Ich empfinde eher, dass man es nicht verstanden hat, den Wert der Musik - explizit der Tonaufnahme - aufrecht zu erhalten, denn es werden Unsummen für Konzerttickets veranschlagt, um CD-Produktionen zu (re-)finanzieren. Heute ist ein Song allgemein nicht mehr als 0,99 Euro wert - aber ein Ticket für eine 80-minütige Hauptact-Show in einer hinteren Sitzreihe 80plus Euro. Da fehlt mir persönlich jede Relation. Und für die Newcomer bzw. junge Bands, die zahlreich wirklich hervorragende Musik machen, wird bei zehn oder fünfzehn Euro Eintrittsgeld gemault. Die haben dann nicht mal die Konzertgage als Ausgleich.
RockTimes: Ein extrem wichtiger Punkt - der Wert einer Sache!! Findest Du nicht auch, dass wir uns mit dieser 'Geiz ist geil'-Mentalität den Ast absägen, auf dem wir sitzen?
Niels: Definitiv ist das eine große Gefahr. Die Frage ist nur, wie weit wir von 'ganz unten' entfernt sind, und ob es danach wieder raufgeht, weil alle Beteiligten wie Produzent und auch Konsument einfach merken, dass es so nicht weitergehen kann.
RockTimes: Was wäre Dein Fünf-Punkte-Programm, wenn Du der Kulturstaatssekretär der neuen Bundesregierung wärst?
Niels: 1) Ein bundesweites Aufklärungsprogramm zum Thema "Der Wert der Tonaufnahme".
2) Musiker und Bands bei Produktion finanziell unterstützen, selbst wenn es nur kleine Beträge sind.
3) Regionale Veranstalter sowie Clubs unterstützen, damit (Newcomer-)Bands bessere Gagen erhalten.
4) Die GEMA modernisieren oder ggf. Projekte wie C3S unterstützen.
5) Ein Gremium von fachlich versierten Leuten der Musikbranche zusammenstellen, um weitere Schritte zur Verbesserung einzuleiten.
RockTimes: Mit einiger Überraschung las ich auf Deiner Website, dass "Teufelsbraut" zeitweilig den Status eines potenziellen Outtakes einnahm. Für mich einer der stärksten Songs von "Durch und durch"! Wie kam es bei Dir zu diesem Sinneswandel?
Niels: Wir hatten den Song, als er noch recht frisch war, im Liveprogramm und er floppte trotz eigener hoher Erwartungen. Dadurch hatte er leider schon sehr früh einen Status als 'Füllsong'. Der Roughmix hatte mich selber nicht so überzeugt, doch ich stand total auf den Refrain. Ich habe ihn mir dann doch noch mal zur Brust genommen und das Ergebnis überzeugte ja nun wohl nicht nur mich, wie ich von Dir hören kann [lacht]. Es sind solche Elemente wie der Chor und die Trompete, die dem Song dann noch mal das gewisse Extra verleihen.
RockTimes: Daran anschließend: Welchen Titel findest DU besonders gelungen?
Niels: Jetzt hast Du mich erwischt! Ich hadere schon sehr, sehr lange mit mir, welchen Song ich denn als Single auskoppeln soll oder mit welchem ich konkret das Album promoten kann. "Männer sind und Frauen auch" ist besonders, weil das Remake für mich um Längen besser geworden ist, aber er steht jetzt nicht für 'das neue Album'. Egal, welchen Song ich nähme, würde wohl ein 'aber Titel XY hat dafür dieses und der andere jenes' hervorrufen. Um einen der neuen Songs hervorzuheben, würde ich "Am Himmelstor" nennen, da ich bei dem Strophentext immer noch lächeln muss.
RockTimes: Ich auch - »... steht ein Gulag-Schild«...
Niels: Ich denke, ich schreibe mal einen Song über einen guten Eintopf... [herzhaftes Gelächter].
RockTimes: Vielleicht über Petrus' Gulaschkanone...
RockTimes: Zurück auf den harten Boden der Realität: Ein Plattenvertrag wäre sicher nicht schlecht. Bist Du dahingehend irgendwo auf Tuchfühlung?
Niels: Wenn mir der Plattenvertrag eine nette Bandgemeinschaft mit tollen Musikern beschert, ich nichts mit dem Booking zu tun habe, ein klein wenig Ruhm und Ehre für mein eigenes Ego drin ist und ich dabei aber nicht am Hungertuch nagen muss... Um hier noch mal Loriot zu zitieren: »Ach,
wo muss ich unterschreiben?«
RockTimes: Silvester naht - Zeit für einen persönlichen Jahresrückblick. Wie fällt Deine Bilanz für Charlie Rocks aus? Und was soll das neue Jahr bringen??
Niels: Für Charlie Rocks? Überraschend, da ich am 1. Januar 2013 nicht einen Hauch an Charlie Rocks gedacht hatte. Was soll das neue Jahr bringen? Ich hoffe auf ein wenig Zeit, um eine EP mit sechs oder sieben Songs aufzunehmen. Ob ich die noch zum Jahresende fertigstellen kann oder erst zum Anfang von 2015, wäre jetzt nicht so wichtig. Ich würde wirklich gerne wieder auf die Bühne, aber wie Du eben sicherlich gemerkt hast, würde das meinen zeitlichen Rahmen sprengen, da ich in meinem Studio weitere Produktionen anderer Musiker und Bands betreuen werde. Ich bräuchte ja auch erstmal wieder eine neue Band und die steht ja auch nicht morgen so einfach vor deiner Tür.
RockTimes: Ach? Mit dem Joker Studio verdienst Du also in erster Linie Deine Brötchen?
Niels: Überwiegend ja. Das Studio war der Grund für meinen Wohnortswechsel und ich strebe an, es in den kommenden Jahren mit Vollzeit zu betreiben. Derzeit habe ich auch noch einen Halbtagsjob, der mir ebenfalls sehr viel Spaß macht und mir die Möglichkeit gibt, mir solche Projekte wie u. a. Charlie Rocks zu leisten.
RockTimes: Noch irgendeine 'Message' an unsere Leserschaft?
Niels: Allerdings. Verfolgt fleißig das Schaffen der Macher von RockTimes sowie den Bands, die hier präsentiert werden, tragt es hinaus und teilt es mit Freunden und Bekannten. Und das nicht nur wegen der Musik von Charlie Rocks [lacht]...
RockTimes: Meine obligatorische Scherzfrage zum Schluss. Was wolltest Du schon immer mal in einem Interview gefragt werden?
Niels: Darf ich Dich nach dem Interview zum Essen einladen?
RockTimes: Können wir gerne nächstes Mal machen... aber Du übernimmst dann meinen Getränkedeckel, falls Du Dir das leisten kannst, hähähä!
Bis dahin vielen Dank für das Interview und vor allem: Gutes Gelingen!!
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