Jedes Album ist halt genau das Album, das du zu dem Zeitpunkt machen konntest!!
Rocktimes Interview Die Black Space Riders haben dieser Tage ein bemerkenswertes Konzeptalbum, "D:REI" betitelt, veröffentlicht. Das vielschichtige, knapp achtzigminütige Epos war es wert, mal genauer unter die Lupe genommen zu werden.

JE, einer der Gitarristen und Sänger, stellte sich unseren Fragen via E-Mail und gewährte bereitwillig tiefe Einblicke in das Konzept von "D:REI"...

Interview vom 06.02.2014


Steve Braun
RockTimes: Hi, JE! Zunächst einmal unsere Glückwünsche zu Eurem neuen Album D:REI. Wie ist denn das mediale Echo hierzulande und bist Du zufrieden damit?
JE: Danke für die Blumen. Das geht ja gerade erst so richtig los mit dem Echo und das scheint diesmal ganz schön laut zu werden. Tolle Rückmeldungen, super Reviews, die uns aber nicht nur unreflektiert abfeiern, sondern sich differenziert mit dem Album auseinandersetzen. Das macht uns natürlich froh und stolz.
RockTimes: Schielt Ihr mit "D:REI" auch in Richtung internationale Märkte? Und wenn ja: Wie sind denn die Rückmeldungen aus diesen Ländern?
JE: Wir schielen ja überhaupt nicht auf Märkte, da die Band kein betriebswirtschaftliches Projekt ist. Wir sind fünf Freunde, die gemeinsam die bestmögliche Musik machen wollen. Aber wenn Du meinst, ob wir auch außerhalb des deutschsprachigen Raumes stattfinden: Ja! Wir haben schon immer tolle Reaktionen aus anderen Ländern erhalten, aber eher von Fans, die uns zufällig oder per Empfehlung entdeckt hatten. Jetzt haben wir mit Clawhammer PR aus den USA erstmals jemanden im Hintergrund, der uns systematisch hilft, unseren internationalen Bekanntheitsgrad auszubauen und mit Clearspot einen internationalen Großhändler, der unsere Alben auch weltweit anbietet. Ist aber alles immer noch Indie und Underground.
RockTimes: Wir hatten gerade diese Aufnahmen im Schwitzkasten und - wie zu lesen war - sie haben, einigen winzigen Kritikpunkten zum Trotz, richtig fett eingeschlagen. Bist Du zufrieden mit dem Gesamtergebnis oder gibt es die eine oder andere Feinheit, die man im Nachhinein gerne etwas anders ausgearbeitet hätte?
JE: Es gibt ja nachher immer Dinge, die du später anders gemacht hättest. Jedes Album ist halt genau das Album, das du zu dem Zeitpunkt machen konntest. Die 'Hätte-Frage' ist für mich irrelevant. Das Album ist für die Hörer ja noch frischer als für uns selbst und dennoch finden wir es auch nach dem über hundertsten Hören immer noch geil. Es gibt einen Teil auf "Rising From The Ashes", den wir jetzt live anders, noch dramatischer als auf dem Album spielen, aber das macht ja die Albumversion nicht schlechter. Manchem ist das Album zu lang. Wir hatten auch kontrovers diskutiert, ob wir nicht eine komprimierte 45-Minuten-Version daraus machen, sind aber letztlich sehr zufrieden mit unserer Entscheidung, die komplette Reise in all ihren Auf- und Abbewegungen veröffentlicht zu haben.
RockTimes: Das Konzept hinter "D:REI" ist ja recht kryptisch und fordert die Fokussierung eines jeden Hörers. Magst Du unseren Lesern mal einen kleinen erklärenden Rundgang durch "D:REI" geben?
JE: Vordergründig ist das ja eine postapokalyptische SciFi-Geschichte, in der unser Protagonist die letzten Überlebenden der zerstörten Erde einsammelt und rettet, um sich mit ihnen auf die Reise nach einer neuen Heimat zu machen. Die Reise wird zum Selbstzweck, das Ziel irrelevant. Soweit die extreme Verkürzung, die der Sache natürlich nicht gerecht wird. Tja, es könnte natürlich auch sein, dass all das, was Du darin liest, nur in Deinem Kopf passiert und es eigentlich um Deine innere Befreiung geht. Insofern hat das Konzept mehrere mögliche Bedeutungsebenen... ist aber jetzt überhaupt nicht intellektuell gemeint. Jeder darf sich da einfach seine persönliche Deutung aussuchen und ich habe schon einige interessante und unterschiedliche Interpretationen von Fans und Rezensenten gehört. Ich empfehle hier: Licht aus, Kopfhörer auf und das Ganze im Zusammenhang mit den Texten wirken zu lassen. Die findet Ihr auf unserer Website [siehe unten!]. Wer das Album direkt bei uns kauft, bekommt von uns ein Textheft dazu. Die Grundidee war, dass unser drittes Album halt klassisch "III" heißen sollte, das hat mich auf spirituell-religiöse Dreiheiten gebracht. Die Hindus glauben z. B. an den ewigen Dreier-Zyklus aus Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung/Umformung... von den Hindus zu den althebräischen Todesengeln, den "Memitim" war's nicht weit, vom Todesengel zur Postapokalypse und der Reise als heilendem Selbstzweck... ein inspirierender Assoziationstrip durch den eigenen Kopf und was Du daraus machst, liegt letztlich nur bei Dir.
RockTimes: Ist das Konzept zu "D:REI" in sich geschlossen oder könnte es möglicherweise sein, dass - Achtung, Wortspiel - "V:IER" daran anknüpfen wird?
JE: Bei uns ist gar nix geschlossen oder gar abgeschlossen und es kann grundsätzlich immer alles passieren. Aber es gibt noch keinerlei Pläne oder Überlegungen zum Nachfolger, erstmal genießen!
RockTimes: "D:REI" erscheint mir wesentlich vielschichtiger und atmosphärischer als Eure ersten beiden Alben zu sein. Analog zur berühmten Henne-Ei-Frage: Hat sich die Komplexität aus dem Konzept heraus entwickelt oder stand zunächst der Wunsch nach komplexeren Songs im Vordergrund und daraus leitete sich der konzeptionelle Überbau ab?
JE: Bei uns entsteht zuerst die Musik. Wir hatten schon einiges an Song-Ideen zusammen, als das Konzept sich den Weg durch meine Schädeldecke nach draußen brach... und soooo komplex ist das doch nun auch nicht. Komplexität war auf jeden Fall nie ein Ziel.
RockTimes: Gewährt mal einen kleinen Einblick in Eure Songwriting- und Aufnahmeprozesse: Seid Ihr mit festen Songstrukturen und ausformulierten Texten ins Studio gegangen oder hat sich das meiste erst dort entwickelt?
JE: Das hat sich im Verlauf der Zeit geändert. Während ich früher meist fast fertige Songs einbrachte, die wir gemeinsam arrangierten, ist es heute z. B. nur ein Riff, eine Harmonie, die auf einmal im Raum steht und davon ausgehend wird gemeinsam weiter entwickelt. Welcher Groove passt? Welches Tempo? Welche Harmoniewechsel? Wie kann man die Atmosphäre pflegen? Auf einmal beginnen SEB und ich, Melodien darüber zu singen, zu summen... Wir nehmen grundsätzlich alles auf, jeder einzelne hört die Probeaufnahmen bis zum nächsten Mal durch und dann wird diskutiert. Es wird auch nicht bewusst gefiltert; was sich gut anhört und anfühlt wird auch gespielt. Die Songs sind jedoch alle komplett fertig, bevor wir ins Studio gehen. Dort hat unser Freund und Produzent Role aber immer mal wieder gute, überraschende Ideen und dann gehen wir da auch spontan drauf ein und ändern das live im Studio. Die Texte sind vorher überwiegend fertig... da die ultimative Songreihenfolge mit dem besten Fluss sich aber meist sehr spät rauskristalisiert und die Stimmigkeit der Texte im Verlauf der Geschichte ebenso wichtig ist, haben wir teilweise noch getextet, während wir am Mikro standen.
RockTimes: Habt Ihr die Tonspuren eher 'geschichtet' oder vorwiegend in Live-Situationen eingespielt?
JE: Da sind wir 'old school': Wir nehmen live auf! Fünf Freunde mit all ihren Instrumenten und Verstärkern in einem Raum. Das angebliche 'Problem der Übersprechung' (Gitarre ist z. B. auch auf Drumspuren zu hören etc.) nehmen wir nicht nur billigend in Kauf, sondern nutzen es sogar, um einen organischeren Sound hinzubekommen. Das Live-Feeling ist extrem wichtig für uns. Gesangsspuren und vereinzelte Lead- oder Effekt-Gitarren nehmen wir dann nachher als Overdubs auf. Der eigentliche Song an sich ist immer live! Auch da ist Role mit seiner Tonmeisterei in Oldenburg sehr wichtig für uns.
RockTimes: Nach welchen Kriterien haben sich SEB und Du die Leadgesänge aufgeteilt?
JE: Das ergibt sich während der Songwritingsessions. Wer passt zu welchem Part oder Song? Wie kann man die Stimmen ineinander verschachteln? Viele Songs singen wir ja gemeinsam oder im Wechsel. Diesmal haben wir sogar manche Texte im Ping-Pong-Verfahren geschrieben. Ich geb z. B. den Titel, das Thema und die erste Textzeile vor, SEB macht die zweite, ich antworte mit der dritten usw...
RockTimes: Mich hat beeindruckt, wie sehr ihr - allen Einflüssen zum Trotz - vor allem nach Euch, den 'Black Space Riders', klingt. Trotzdem lässt sich ein Hang zum spacigen Psychedelic- (Hawkwind) und Stoner Rock (QOATSA & Co.) nicht verleugnen. Was bedeuten diese Stilmittel für den Sound der Black Space Riders?
JE: Erst einmal Danke. Es ist unser Anspruch, eigenständig zu klingen, zwar mit Klassikern und auch Klischees zu spielen, aber dabei unbedingt wir selbst zu bleiben. In Sachen Hawkwind sind wir nicht besonders bewandert, unsere Psychedelic rührt eher aus dem Pink Floydschen sowie einer gemeinsamen Vergangenheit im 80er-Wave, z. B. den Chameleons, das erklärt vielleicht unsere Neigung zu Flächen, Raum, Stimmungen, Melancholie. Da drunter hörst Du unsere Riff- und Rock-Basis. CRIP, SLI und ich sind ganz früh mit Black Sabbath, Deep Purple, Thin Lizzy, Rainbow und Dio infiziert worden und haben dann als Teenies die NWoBHM mitgenommen. Und dann noch die eigenständigeren Bands aus dem Bereich, den wir Anfang der Neunziger 'Alternative' nannten, z. B. von Alice In Chains, Monster Magnet über die Melvins bis hin zu Pantera. Wir hören jetzt aber auch krasses Metalzeugs, Elektro, Massive Attack... das alles darf einfließen und findet sich vor allem in den Grooves und manchmal untraditionellen Songstrukturen wieder.
RockTimes: Was ist für Dich persönlich der gelungenste Song von "D:REI" und warum?
JE: Das wechselt - am Anfang "Space Angel (Memitim)", zur Zeit "Stare At The Water". "Temper Is Rising", "The GOD-Survivor", "Leave" und "The Everlasting Circle Of Infinity" sind auch weit vorne. Du siehst, das ist schwer für mich. Das ist halt ein Album zum Ganz-Hören, auch wenn man dazu viel Zeit braucht [grinst]. Witzig ist, dass anscheinend jeder einen anderen Lieblingssong hat... in Rezensionen ist aber auch jeder der dreizehn Songs bereits als DER Referenztrack hervorgehoben worden, selbst (für mich!) etwas abwegigere Kandidaten wie "Major Tom Waits" oder "Letter To A Young One", den sich z. B. die Eclipsed-Redaktion ausdrücklich für ihre CD-Compilation gewünscht hat.
RockTimes: Magst Du den folgenden Satz vervollständigen? "D:REI" ist unser bislang bestes Album, weil...
JE: ... es ein total abwechslungsreiches und trotzdem in sich stimmiges geiles Mixtape ist. Und das von einer einzigen Band!
RockTimes: Eine ganz allgemeine Frage zu den Black Space Riders: Ihr 'versteckt' Eure Namen bekanntlich hinter Synonymen, was ja auch bestens zum etwas kryptischen Konzept von "D:REI" passt. Was ist der Grund für diese 'Verschleierungstaktik'? ;-)
JE: Wir sind im wahren Leben Spitzenpolitiker, Pornofilmproduzent, Waffenhändler, Drogenkurier und Erzbischof und müssen deshalb unsere wahren Identitäten geheim halten.
RockTimes: Außer den Release-Shows sind derzeit noch keine weiteren Tourdaten auf Eurer Website zu finden. Ist eine Tour in Planung - können Festivalgänger in diesem Sommer mit Euch rechnen?
JE: So gerne! Vielleicht könnt Ihr ja dabei helfen! Los! Macht Angebote! Bucht uns! Wir sind 'ne geile Live-Band! Wir machen halt alles selbst, Label und Booking. Darüberhinaus haben wir Jobs und Familien... wir werden also nicht 365 Tage im Jahr touren können, aber schon häufiger. Haben wir auch immer schon gemacht. Mit dem Rückenwind der steigenden Bekanntheit zur Zeit wird's hoffentlich auch leichter, ordentliche Shows angeboten zu bekommen. Rechnet mit uns! Wir sind am Ball.
RockTimes: Träume sind ja bekanntlich keinesfalls Schäume. Mit welcher Band würdest Du gerne mal gemeinsam auf Tour gehen?
JE: Mit The Doors und dann Backstagesuff mit Jim Morrison. Ah, geht nicht mehr. Monster Magnet würde gut passen. Motorpsycho wär cool. Lieber keine Situation, in der du um 19 Uhr in einer Riesenhalle mit schlechtem Sound vor irgendeinem Rockdino spielst und die zehn Prozent der Zuschauer, die sie bereits reingelassen haben, dich gar nicht sehen wollen. Lieber kleine Clubshows und nette Festivals!
RockTimes: Wir stehen ja immer noch am Anfang des Jahres: Was habt Ihr Euch für 2014 vorgenommen?
JE: Booken, Live-Spielen und zwischendurch Rumjammen und daraus neue Songs entstehen lassen.
RockTimes: Liest Du eigentlich Online-Musikmagazine und hast Du vielleicht noch 'ne spezielle Message an die RockTimes-Leserschaft?
JE: Ja, ich lese natürlich täglich RockTimes, aber nicht ausschließlich [grinst]. Meine Botschaft: Wenn Euch das gefällt: redet über Black Space Riders! Holt uns zu Euren Konzerten vor Ort! Möge die Macht mit Euch sein.
RockTimes: Und auch Du musst meine obligatorische Scherzfrage beantworten: Was wolltest Du schon immer mal von einem Journalisten gefragt werden??
JE: »Was ist der Sinn des Lebens?« Aber frag' mich bloß nicht, die Antwort hab ich immer noch nicht fertig ausformuliert.
RockTimes: Wir danken Dir sehr herzlich für dieses Interview und hoffen, bald von einem Konzert der Black Space Riders berichten zu können!
Unser Dank geht an Jan Hoffmann von Anger Management & PR für das Zustandbringen dieses Interviews!
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