BAP / 23.05.2012, Columbiahalle, Berlin
Columbia-Club BAP
Columbiahalle, Berlin
23. Mai 2012
Stil: Deutschrock
©Fotos: Mike Kempf


Artikel vom 29.05.2012


Holger Ott
Nach dem Schock vom vergangenen November, und der relativ kurzen Genesungsphase, steht ER zum Glück wieder auf den Brettern, die die Welt bedeuten. ER ist Wolfgang Niedecken, und sind wir mal ehrlich: Was würde die Musik in Deutschland ohne ihn und BAP machen. Es wäre deutlich langweiliger, und wir hätten einen wichtigen Menschen weniger, der viel zu erzählen hat. Nun ist Niedecken wieder da, sieht einigermaßen erholt aus, und kann sich kaum bremsen, um zu alter Form zurückzufinden. Dass es aber noch etwas dauern wird, konnte man ihm gestern in Berlin deutlich ansehen. Die Tour mit den sehr kurzen Abständen der Spieltage scheint ihn ganz schön anzustrengen, aber er lässt es sich nicht unbedingt anmerken. Zur Sicherheit, und natürlich, um ihm den Rücken zu stärken, steht fast seine ganze Familie seitlich der Bühne. Mit diesem Halt gestärkt, steht der Köllsche Jung geschlagene drei Stunden in der brütend heißen Columbiahalle und singt sich wieder allen Kummer vom Herzen. Ihm zu Ehren, und um ihm Respekt zu zollen, ist die Halle selbstverständlich ausverkauft.
Dass Niedecken bekennender Fußballfan und sein Verein natürlich der 1. FC Köln ist, weiß fast jeder. In guten, wie zurzeit in schlechten Zeiten hält er zur Mannschaft, so wie Campino zu Fortuna Düsseldorf. Auf der Bühne ist eine kleine Fan-Ecke eingerichtet, in der verschiedene Vereinswimpel drapiert sind, und im Saal befindet sich eine Gruppe Fußballfans des Kölner FC, die ihn an diesem Abend zum Ehrenmitglied ernennen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, deshalb teilt Niedecken sein Leid über den Abstieg seines Heimatvereins mit der schlechten Saison der Hertha aus Berlin. Beide Städte haben in diesem Jahr nicht nur ihren Stadtnamen gemeinsam, sondern gehen zusammen in Rhein und Spree unter.
BAPDie Fans im Saal sind gespannt als das Konzert beginnt. Noch ist von der Band und von Niedecken wenig zu sehen. Dunkles Licht und Nebel verhüllen die Sicht, aber als der Dunst langsam verschwindet, steht einer der größten Poeten der deutschen Musikgeschichte in Lebensgröße vor mir. Mit seinem kleinen Bärtchen sieht er ungewohnt anders aus, dennoch passt es gut zu ihm. Das schmale Gesicht wird damit etwas verdeckt, aber an seinen Armen und den dünnen Beinen kann man erkennen, dass er in den vergangenen Monaten viel Gewicht verloren hat. Beim letzten Konzert in Berlin sah er deutlich fülliger aus. Er wirkt ruhig, ruhiger als sonst, und entschuldigt sich erst einmal für den Ausfall des Konzertes im November. Unnötig, wie ich finde, denn auch ich habe nach über dreißig Jahren Arbeit eingesehen, dass Gesundheit durch nichts zu ersetzen ist.
BAPDas Konzert beginnt ebenfalls ruhig. Kein Kracher zum Anfang, wie sonst bei BAP üblich. Mit "Halv su Wild" will Niedecken zum Ausdruck bringen, dass es doch gar nicht so schlimm gewesen ist. Dass er dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen ist, versucht er ständig zu verdrängen. Trotzdem sieht er noch nachdenklicher aus, als man es von ihm gewohnt ist. Es dauert auch weitere drei Songs, bis der Funke ins Publikum überspringt. Erst mit "Aff un Zo" taut der Saal auf und fängt an mitzusingen und zu klatschen. "Nix wie bessher" und "Alexandra" zünden dann endgültig. Niedecken steigert sich, hat sogar inzwischen trotz der großen Hitze eine Mütze aufgesetzt und bittet dann Geigerin Anne de Wolff auf die Bühne. Seit sieben Jahren gehört die attraktive Dame zur Band. Sie wird zwar immer noch als Gastmusikerin angekündigt, ist aber aus keiner Show von BAP mehr wegzudenken. Durch ihr schönes Spiel rundet sie die Songs noch einmal ab. Zwischendurch greift sie mal zum Cello, und zeigt dabei auch an diesem Instrument ihr Können.
BAPBAP haben in ihrem nun über dreißigjährigen Bestehen viele Musikerwechsel durchlebt, bis sich in den letzten Jahren die Formation gefestigt hat. Mit Helmut Krumminga an der Gitarre, ist gleichzeitig auch noch ein guter Komponist hinzugekommen. An der Gitarre drängt er sich niemals in den Vordergrund und spielt seine Soli stets dezent, aber ungemein wirkungsvoll. Dabei klampft er sich durch seine komplette Gitarrensammlung. Neben verschiedenen Fender-Modellen, ist sein Lieblingsstück eine Gibson Les Paul. Fast bei jedem Song wechselt er die Bretter, dabei hat der Roadie genug damit zu tun, die schweißtriefenden Saiten zu trocknen. Zeitweise schaut er etwas gelangweilt drein, anscheinend macht ihm die große Hitze auch sehr zu schaffen. Heimvorteil genießt Keyboarder Michael Nass, der aus Berlin stammt, und immer wieder Szenenapplaus für seine Klangeinlagen erhält. Nebenbei stemmt er noch das Schifferklavier und kann sich damit auch einmal am Bühnenrand präsentieren. Neben der Ehrenmitgliedschaft im FC-Fanclub, gibt es für einen der Band noch etwas zu feiern. BAPMan sieht ihn selten, dafür arbeitet er um so lauter und präziser. Ohne ihn ginge es nicht, denn er gibt den Takt an. Drummer Jürgen Zöller feiert an diesem Abend seine 'Silberne Hochzeit' mit Niedecken, wie der es nennt. Hoffentlich hat das seine Frau am Bühnenrand nicht gehört. Nun ist er auch schon fünfundzwanzig Jahre dabei, wie doch die Zeit vergeht. Für mich als Fan der ersten Stunde, gehört er inzwischen zum Inventar, obwohl ich mich noch sehr gerne an die Anfänge erinnere, als die Boeker-Brüder gemeinsam die Schlagwerke bedient haben. Zöller wird für einen Song durch Krumminga vertreten, der seine Sache erstaunlich gut macht. Gemeinsam mit Niedecken trällert er in der Pole Position "Mir Zwei", und ihm gebührt für fünf Minuten jegliche Aufmerksamkeit, die er deutlich genießt und auskostet.
BAPWie fast alle Bassisten, steht auch Werner Kopal die meiste Zeit weiter hinten, und tritt nur ins Scheinwerferlicht, wenn er mal den Backgroundgesang anstimmt. Er macht eine solide Arbeit ohne aufzufallen. Er will es auch gar nicht, ist lieber der Fels in der Brandung, auf den stets Verlass ist. Niedecken hat eine sehr gute Band um sich versammelt. Die Experimentierphasen mit den vielen anderen Musikern sind zum Glück vorbei, und wollen wir hoffen, dass die Band in dieser Formation bis zum Ende bestehen bleibt. Wird nur endlich Zeit, dass Anne de Wolff als Vollmitglied geführt wird.
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BAPNachdem ihr Gastspiel beendet ist, beginnt der letze Teil des Hauptprogramms, der noch einmal aus fünf Songs besteht. Darunter, und natürlich in Anbetracht der deutschen Vergangenheit, immer noch aktuell, "Kristallnaach". Der Song reißt das Publikum wieder aus seinem Schlaf, denn es war für mich das bisher leiseste BAP-Konzert meines Lebens.
Sicher wurden in regelmäßigen Abständen schnelle Nummern eingestreut, aber dass mal blockweise abgerockt wird, so wie vor zwei Jahren, das wird wohl in Zukunft der Vergangenheit angehören. Die Fans müssen sich darüber im Klaren sein, dass Wolfgang Niedecken noch mehr in sich gekehrt ist und in Zukunft eher die ruhigeren Töne bevorzugen wird. Dennoch werden Klassiker wie "Verdamp lang her", wie an diesem Abend, nicht fehlen. Und mit diesem Song verabschieden sich die Musiker auf der diesjährigen Tour, aber nicht ohne in die Nachspielzeit zu gehen, noch einmal drei Stücke zu präsentieren, wieder mit Anne an der Geige, und als Bonus oben drauf in der Verlängerung weitere drei zu spielen. Den endgültigen Abschluss bildet "Für immer jung", den Wunsch, den wohl jeder in sich trägt.
BAP haben wieder einmal für einen sehr schönen Abend gesorgt. Die vielen Fans haben es mit minutenlangem Applaus und Sprechchören gedankt. Niedecken wird sich hoffentlich weiter erholen, und ich wünsche ihm dafür alles erdenklich Gute.

Vielen Dank auch an Semmel-Concerts für den schönen Abend und die Sonderbehandlung.
Line-up:
Wolfgang Niedecken (vocals, guitar)
Helmut Krumminga (guitar)
Werner Kopal (bass)
Jürgen Zöller (drums)
Michael Nass (keyboards)
Anne de Wolff (violin, cello)
Setlist
Halv Su Wild
Autobahn
Krohn oder Turban
Aff un Zo
Nix wie bessher
U.K.B.
Alexandra
Babylon
Leopardefellhoot
Songs sinn Dräume
Noh Gulu
Jupp
Noh all dänne Johre
Mir Zwei
Rita
Woröm dunn ich
Dreidüüvels Name
Kristallnaach
Diego Paz
Verdamp lang her
Für ne Moment
Chlodwigplatz
Arsch Huh
Paar Daach Fröher
All die Augenblicke
Für immer jung
BAP      BAP      BAP
BAP     BAP     BAP
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